Beim folgenden Beitrag handelt es sich um das Preprint des gleichnamigen Aufsatzes aus: Bibliotheksdienst. Band 47, Heft 11, Seiten 805–819

Abstract

The article introduces Open Educational Resources (OER) as a possible future field of activity for scientific libraries. In order to do so, it explains the basics of the OER-concept and presents the results of a survey concerning the participation of libraries and librarians in OER-projects which was conducted 2012 at the University of Strathclyde (Glasgow). The study comes to the conclusion, that libraries and librarians can yield important competences into OER-projects, though this is not well enough known by both, libraries and OER-projects. According to the author OER enables scientific libraries to participate in the academic educational process stronger than ever before. At the same time new challenges arise within the areas of awareness raising, metadata standards, OER-supply, OER-production and OER-management.

 

Inhalt

1 Die Pariser OER-Deklaration

2 Was sind OER?

3 Chancen und Herausforderungen von OER

4 „The role of libraries and information professionals in Open Educational Resources”

5 Bibliothekarische Aufgaben im OER-Lebenszyklus

5.1 Bewusstseinsbildung

5.2 Metadatenstandardisierung

5.3 Bereitstellung von OER

5.4 Herstellung von OER

5.5 OER-Management

6 Fazit

1 Die Pariser OER-Deklaration

Im Juni 2012 fand in Paris der World Open Educational Resources (OER) Congress der UNESCO statt. Mit dem Kongress wurde das zehnjährige Bestehen einer internationalen Bewegung gefeiert, der bis dahin in Deutschland von offizieller Seite nur wenig Beachtung geschenkt wurde. Inzwischen ist es auch in Deutschland zu einem Durchbruch gekommen. “2012: Das Jahr, in dem Open Education in Deutschland ankam” titelt treffend ein Artikel von Leonhard Dobusch, der zum Ergebnis kommt, dass “kein Zweifel besteht, dass OER 2012 zumindest in der bildungspolitischen Debatte auch in Deutschland angekommen ist”[1].

In der sich herausbildenden OER-Bewegung laufen die Aktivitäten vieler unterschiedlicher Stakeholdergruppen zusammen. Waren die ersten zehn Jahre durch die Aktivitäten innovativer Graswurzelbewegungen geprägt, so gilt es nun, durch ein einsetzendes staatliches Engagement eine nachhaltige Versorgung mit OER zu etablieren. Darauf abzielend fordert die im Rahmen des Kongresses verabschiedete 2012 Paris OER Declaration[2] die Regierungen der Mitgliedgliedsstaaten u.a. auf, Lern- und Lehrmaterialien, soweit sie mit öffentlichen Mitteln finanziert worden sind, offen zu lizensieren und das Suchen, Finden und Teilen von OER zu fördern.

Zunehmend wird in diesem Zusammenhang auch der Rolle wissenschaftlicher Bibliotheken Beachtung geschenkt, die im vorliegenden Beitrag einführend untersucht und dargestellt werden soll.

2 Was sind OER?

Die Paris-Deklaration definiert OER als

“teaching, learning and research materials in any medium, digital or otherwise, that reside in the public domain or have been released under an open license that permits no-cost access, use, adaptation and redistribution by others with no or limited restrictions.”[3];

Der OER-Begriff umfasst damit sämtliche Formen von Lern- und Lehrmitteln aus allen Bildungsbereichen, ohne Einschränkung hinsichtlich des verwendeten Medienformats. Die im Hochschulbereich wichtigsten OER-Typen sind MOOCs, OpenCourseWare und Lehrbücher:

  • MOOCs sind Online-Kurse, die von einer großen Zahl von Teilnehmern kostenlos belegt werden können. Hinter dem Begriff verbergen sich zwei unterschiedliche Phänomene, die klar voneinander unterschieden werden sollten und für die sich die Bezeichnungen cMOOCs und xMOOCs etabliert haben[4].
  • Unter OpenCourseWare (OCW) versteht man offen lizensierte Kursmaterialien, die im Gegensatz zu MOOCs nicht kursersetzend, sonder primär kursbegleitend eingesetzt werden sollen. Der Begriff geht auf das OCW-Projekt des – Massachusetts Institute of Technology (MIT)[5] zurück, das bisweilen als Geburtsstunde der OER Bewegung gesehen wird. OCW liegt häufig in Form von Präsentationen vor, nicht ungewöhnlich sind auch Video-Mitschnitte von Vorlesungen. Inzwischen sind am OpenCourseWare-Consortium (OCWC)[6], mehr als 250 Hochschulen beteiligt, die zusammen Materialien zu mehr als 13.000 Kursen frei zugängliche anbieten.
  • Schließlich stellen offen lizensierte Lehrbücher die dritte wichtige Gruppe von OER an Hochschulen dar. Insbesondere in den USA gibt es bereits eine stetig wachsende Zahl an OER-Lehrbüchern[7]. In Deutschland bereitet die deutsche Zentralbibliothek für Medizin zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften mit dem Pilotprojekt eines handchirurgischen Lehrbuchs derzeit eine Plattform für „Living Textbooks“ vor[8].

Nach David Wiley[9] sind offene Inhalte dadurch gekennzeichnet, dass sie

  1. in ihrer Ursprungsform ohne Zugangsbeschränkungen genutzt werden („reuse“)
  2. bearbeitet, z.B. übersetzt werden („revise“)
  3. mit anderen Inhalten in sog. „Mashups“ kombiniert werden („remix“) und
  4. in ursprünglicher, bearbeiteter oder kombinierter Fassung weitergegeben („redistribute“) werden können.

Um diese Nutzungsmöglichkeiten rechtssicher einräumen zu können, ist es erforderlich, die Materialien offen zu lizensieren[10]. Als de facto-Standard im Bereich offener Lizenzen haben sich inzwischen die Creative-Commons-Lizenzen etabliert, die einen modularen Lizenzbaukasten bereitstellen, mittels dessen Autoren differenziert die Rechte festlegen können, die sie den Nutzern ihrer Werke einräumen wollen. Dazu wird die Lizenz direkt mit der Datei des Dokuments verbunden, wodurch die Lizenzbedingung auch bei wiederholter Weitergabe nicht verloren geht.

Noch nicht abschließend geklärt ist, welche CC-Module als „offene Lizenz“ i.S.d. OER-Definition gelten können. Unstreitig ausreichend ist die Verwendung der uneingeschränkten CC-BY Lizenz. Auch die „Share-Alike-Lizensierung“ (CC-BY-SA) wird in der Regel als offene Lizenz eingestuft. Am anderen Ende der Offenheits-Skala besteht ebenfalls Übereinstimmung dahingehend, dass Materialien, die nicht bearbeitet werden können (CC-BY-ND) nicht offen sind.

Aktuell intensiv diskutiert wird die Frage, ob auch die CC-BY-NC Lizenz, die eine kommerzielle Nutzung ausschließt, als offene Lizenz gelten kann. Praktisch spricht gegen die Verwendung der NC-Lizenz, dass diese wichtige Verbreitungswege, etwa die Integration der Inhalte in die Wikipedia oder ihre Volltextindexierung in Suchmaschinen ausschließt. Im Regelfall sollte deshalb, falls möglich, auf die Verwendung der NC-Lizenz verzichtet werden[11].

3 Chancen und Herausforderungen von OER

Die Vorteile offener Bildungsmedien können am Beispiel eines offenen Lehrbuches gut dargestellt werden. So ist es jedermann möglich, eines der bestehenden OER-Lehrbücher herunterzuladen und zu lesen („reuse“). Kommt man zum Ergebnis, dass das Lehrbuch den eigenen Anforderungen entspricht, so kann man es ins Deutsche übersetzten und an regionale Besonderheiten anpassen, z.B. indem man verwendete Währungen, Maßeinheiten und Orte austauscht („revise“)[12]. Darüber hinaus kann man fehlende Themengebiete aus einem anderen Lehrbuch einfügen und so mehrere Ressourcen miteinander kombinieren („remix“). Schließlich kann man das so neu erstellte Lehrbuch veröffentlichen („redistribute“). Offene Inhalte sind damit viel mehr, als einfach nur kostenlose Inhalte, die man zwar lesen, aber nicht bearbeiten, kombinieren und weitergeben darf.

Viele internationalen Organisationen, darunter die UNESCO, die OECD[13] und die EU[14] schreiben OER ein großes Potential zu, um den in den Entwicklungsländern herrschenden Bildungsnotstand zu lindern und die Bildungssysteme in den entwickelten Ländern weiter zu verbessern. So glaubt die UNESCO, „dass der universelle Zugang zu hochqualitativer Bildung den Schlüssel zur Herstellung von Frieden, nachhaltiger sozialer und ökonomischer Entwicklung und interkulturellem Dialog darstellt“[15].

Ermöglicht wird dies nicht zuletzt durch wirtschaftliche Vorteile von OER. Wie Abbildung 1 zeigt, stehen in einem mit konventionellen Publikationen operierenden Bildungssystem Zugang, Qualität und Effizienz in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis (a). Reduziert man die eingesetzten Mittel, so führt dies automatisch auch zu Einbußen hinsichtlich der Verbreitung und der Qualität (b). Umgekehrt ist eine Steigerung der Qualität bei gleich bleibendem Zugang nur durch eine Erhöhung der eingesetzten Ressourcen und damit durch eine Reduzierung der Effizienz möglich (c). OER verspricht nun dieses „eiserne Dreieck“ zu brechen und gleichzeitig eine Erhöhung von Zugang, Qualität und Effizienz zu ermöglichen (d) [16].

iron-triangle

Abbildung 1: „Iron Triangle“ nach Mulder[17]

Nicht minder wichtig sind didaktische Vorteile, die mit OER einhergehen können. So unterstützt OER die Einführung neuer Methoden wie dem „Flipped Classroom“[18]und die Bereitstellung von individualisierten Lernpfaden und Materialien, die das Leistungsniveau einzelner Schüler und Studenten berücksichtigen. Schließlich ermöglicht OER, dass sich Studenten aktiv in die Herstellung von Inhalten einbringen, wodurch sich das Selbstverständnis der Institution Hochschule wandelt weg von einem Ort, an dem Wissen vermittelt wird und hin zu einem Ort, an dem Wissen kollektiv konstruiert wird[19].

Diesen Chancen steht eine Reihe von Herausforderungen gegenüber. So ist das OER Konzept im Schul- und Hochschulbereich noch zu wenig bekannt. Rein praktisch sind OER auch immer noch schwierig zu finden, wodurch eine schnelle Verbreitung des Konzeptes behindert wird. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von offenen Fragestellungen insbesondere in den Bereichen der Qualitätssicherung[20] und der Entwicklung von nachhaltigen Geschäftsmodellen[21].

4 „The role of libraries and information professionals in Open Educational Resources”

Bei der Suche nach Möglichkeiten zur Institutionalisierung der OER-Bewegung könnten die wissenschaftlichen Bibliotheken eine Schlüsselrolle übernehmen. Diese Erkenntnis setzt sich auch in der internationalen Diskussion, die im Vergleich zur Situation in Deutschland um einige Jahre voraus ist, erst seit jüngstem durch, was erklärt, weshalb es zur Rolle der Bibliotheken im Rahmen von OER bisher nur wenig wissenschaftliche Literatur gibt[22].

Die fundierteste Darstellung bietet die vom Centre for Academic Practise & Learning Enhancement (CAPLE) und dem Centre for Educational Technology and Interoperability Standards (CETIS) an der Universität Strathclyde, GB durchgeführte Studie “The roles of libraries and information professionals in Open Educational Resources (OER) initiatives”[23], die die Beteiligung von Bibliotheken und Bibliothekaren an bestehenden OER-Initiativen untersucht. An der Studie haben insgesamt 57 Teilnehmer aus 17 Ländern teilgenommen. Bereits der abgefragte Gegenstand der Projekte lässt Rückschlüsse auf zukünftige Aufgaben für Bibliotheken im OER-Bereich zu: So ging es bei einem Großteil der Projekte um die Implementierung von OER-Repositorien (57,9%), um die Veröffentlichung von bereits existierenden Inhalten als OER (56,1%) oder um die Förderung des Bewusstseins für OER (52,6%). An drei von vier der teilnehmenden Projekte waren Bibliothekare beteiligt.

Zu den häufigsten Aufgaben der teilnehmenden Bibliothekare gehörten der Studie zufolge:

  • die Beschreibung und Klassifizierung von Inhalten
  • das Management und die Archivierung von Inhalten
  • die Verbreitung von Inhalten
  • OER Marketing.

In diese Aufgaben konnten die Bibliothekare Kenntnisse und Kompetenzen aus folgenden Bereichen einbringen:

  • Metadatenstandards
  • Vokabularien
  • Indexierung
  • Klassifikation
  • Information Retrieval
  • Information Literacy
  • Repositorien-Technologie und Management von Repositorien.

Die Bewertung des Beitrages der Bibliotheken und Bibliothekare durch die Initiativen war ganz überwiegend positiv. So hielten 36% der Initiativen den bibliothekarischen Beitrag für “unverzichtbar” und 25% für “sehr wertvoll”.

Die Autoren schließen, dass Bibliotheken und Bibliothekare wichtige Kompetenzen in OER Projekte einbringen können, was jedoch sowohl bei den OER-Initiativen als auch bei den Bibliotheken selbst noch zu wenig bekannt sei. Deshalb sei es erforderlich, das Bewusstsein für die Schlüsselrolle der Bibliotheken im OER Bereich zu stärken. Unter anderem sollten dazu die Anforderungen, die OER-Initiativen an Bibliotheken und Bibliothekare stellen genauer untersucht werden. Bibliotheken, Bibliotheksverbände und Anbieter bibliothekarischer Ausbildung seien dazu aufgerufen, ihre Lehrpläne zu überprüfen und die zur Durchführung von OER-Projekten erforderlichen Kompetenzen, soweit erforderlich, systematisch auszubauen

5 Bibliothekarische Aufgaben im OER-Lebenszyklus

OER führt im Bereich bibliothekarischer Arbeit einen Paradigmenwechsel fort, der bereits mit dem Aufkommen der Open-Access-Bewegung eingeleitet wurde. Betrachtet man die in einer Hochschule ablaufenden Wertschöpfungsprozesse, so stellt man fest, dass überkommener Weise die bibliothekarische Arbeit auf der Inputseite des universitären Transformationsprozesse steht. So erwerben Bibliotheken extern hergestellte Inhalte und stellen sie den Fakultäten, Instituten und Lehrstühlen bereit, die die Inhalte dann als Grundlage für ihre Forschungs- und Lehrprozesse verwenden. Verglichen mit einem Wirtschaftsunternehmen könnte man sagen, dass Bibliotheken traditionell die Rolle eines Einkäufers übernehmen, der Rohmaterial bereitstellt, aus dem dann die „Produktionsabteilung“ (Fakultäten und Lehrstühle) die Produkte, sprich neue Forschungserkenntnisse und ausgebildete Jungakademiker „herstellen“. Mit dem Aufkommen der Open Access Bewegung hat sich diese Funktion nun wesentlich geändert. Unterstützen nämlich Bibliotheken Wissenschaftler bei der Publikation von Open Access Artikeln, so ist diese Tätigkeit eher dem universitären Output zuzuordnen, was gemäß der obigen Analogie mit dem Vertrieb vergleichbar wäre.

OER geht noch einen Schritt weiter. Indem eine Hochschulbibliothek

  1. OER bereitstellt, die zur Herstellung neuer OER genutzt werden können,
  2. sich an der kollektiven Herstellung neuer OER beteiligt und
  3. die hergestellten OER archiviert und langfristig vorhält

partizipiert sie zunehmender Maßen am universitären Mehrwertschöpfungsprozesses selbst. Die Entwicklung kollektiver Lernprozesse und sozialer Wissensproduktion, die einen Pool geteilter Wissensressourcen hervorbringen, der kontinuierlich erweitert und aktualisiert wird, ist auf institutioneller Ebene ohne ein professionelles Wissensmanagement kaum denkbar. Bibliotheken, die sich in diesem Sinne für ihre Hochschule als „OER-Wissensmanager“ betätigen, rücken damit stärker ins Zentrum der wissenschaftlichen Arbeit, als jemals zuvor.

Im Einzelnen können Bibliotheken im Laufe des OER-Produktlebenszyklusses Aufgaben in den Bereichen Bewusstseinsbildung, Metadatenstandardisierung, Bereitstellung, Herstellung und Management von OER übernehmen.

5.1 Bewusstseinsbildung

Bibliotheken und Bibliothekaren fällt eine Schlüsselrolle bei der Bekanntmachung von OER zu, die sich aus der großen Sachnähe ergibt, die die bibliothekarische Arbeit zu typischen OER bezogenen Fragestellungen aufweist. Die Einführung von OER stellt aus Hochschulsicht einen weitreichenden Change-Management-Prozess dar, der einen tiefgreifenden Wandel der institutionellen Werte erfordert. Den ersten Schritt dazu stellt die Schaffung von Bewusstsein („Awareness“) durch Bekanntmachung von OER dar, denn nur wer OER kennt, kann OER suchen, finden und selbst herstellen. Langfristig kann OER nur dann zu einem Erfolg an einer Hochschule werden, wenn sich Studenten, Wissenschaftler und Hochschulverwaltung dazu entschließen, Elemente offener Zusammenarbeit in ihre Lehr- und Forschungsarbeit zu integrieren[24]. Bibliotheken, die sich für die Förderung von OER einsetzen wollen, sollten deshalb immer auch versuchen, die Hochschulleitungen von der Sinnhaftigkeit eines solchen Engagements zu überzeugen und gemeinsam nach eventuellen Handlungsmöglichkeiten suchen.

5.2 Metadatenstandardisierung

Die Auszeichnung mit hochqualitativen Metadaten stellt eine wichtige Voraussetzung für die spätere Findbarkeit von OER dar. Seitens vieler OER-herstellenden Initiativen besteht hier häufig noch kein ausreichendes Problembewusstsein. Um OER von verschiedenen Herstellern mit möglichst geringem Aufwand findbar zu machen bietet sich die Verwendung von einheitlichen Metadatenstandards an.

Einen guten Überblick über die im OER-Bereich eingesetzten Metadatenstandards gibt die von der Technischen Informationsbibliothek durchgeführte Studie „Metadaten für Open Educational Resources (OER)“[25].

Neben Dublin Core kommt international häufig der Learning Object Metadata-Standard (LOM) des Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) zum Einsatz, der jedoch verhältnismäßig umfassend ist und zudem in seiner Grundfassung seit 2002 nicht mehr verändert worden ist.

Da komplexe Metadatenstandards nur mit hohem Aufwand umgesetzt werden können und abschreckend auf potentielle OER-Produzenten wirken könnten, hat man sich z.B. seitens des britischen UK OER-Programms dazu entschieden, auf die Verwendung komplexer Standards ganz zu verzichten und lediglich geringe Minimalanforderungen zu formulieren[26].

Einen Kompromiss zwischen diesen beiden Extremen scheint die noch junge “Learning Resource Metadate Initiative” (LRMI)[27] zu wählen. LRMI ist ein von Creative Commons und der Association of Educational Publishers entwickelter schlanker Metadatenstandard für Bildungsmaterialien, der in schema.org[28] integriert ist. Er dient dazu, HTML-Beschreibungen von OER mit strukturierten Metadaten anzureichern, so dass entsprechend ausgezeichnete Materialen zukünftig direkt von den wichtigsten Suchmaschinen als solche erkannt und indexiert werden können.

Insgesamt erscheint der Zeitpunkt für eine deutsche Standardisierungsdebatte überaus günstig. Gelänge es zu diesem frühen Zeitpunkt sich auf einen gemeinsamen Mindeststandard wie LRMI zu einigen, so könnte die Findbarkeit der zukünftig hergestellten Ressourcen signifikant verbessert werden, ohne dass dadurch die Verwendung zusätzlicher, umfassenderer Standards für die Erfassung von OER ausgeschlossen würde.

5.3 Bereitstellung von OER

Die Versorgung von Studenten und Wissenschaftlern mit Informationen gehört zu den Hauptaufgaben einer Hochschulbibliothek. In der Vergangenheit wurde dazu überwiegend auf externes, von Verlagen hergestelltes Material zurückgegriffen. Zukünftig wird es zusätzlich erforderlich sein, auch die im Sammelgebiet der Bibliothek vorhandenen OER zugänglich zu machen.

Eine Methode, sich dieser Aufgabe zu nähern, liegt im Bereich des Kuratierens von Inhalten („Content Curation“), bei dem das im Internet vorhandene Informationsüberangebot in eine rezipierbare Form gebracht wird. Dazu werden die zu einem bestimmten Thema vorhandenen Inhalte von einem Kurator mittels spezieller Webdienste[29] gesichtet, bewertet, ausgewählt, veredelt, zusammengestellt und weitergegeben[30]. Vorteil des Kuratierens ist, dass dabei bewusst hochqualitative Inhalte ausgewählt werden können[31]. Da der Prozess jedoch sehr personalintensiv ist, bietet es sich an, dass sich Bibliothekare beim Kuratieren Unterstützung suchen, etwa bei den Studierenden und Mitarbeitern der Hochschule.

Eine andere mögliche Form der Versorgung mit OER-Inhalten besteht im Aufbau einer speziellen OER-Suchmaschine, in der möglichst viele der vorhandenen OER indexiert sind. Die Aufgabe ist nicht trivial, gilt es doch, eine sich ständig weiterentwickelnde Infrastruktur aus Repositorien und überinstitutionellen Megarepositorien abzusuchen. Hinzu kommen weitere Inhalte, die auf Blogs, privaten Webseiten und sozialen Netzwerken zirkulieren. Erschwerend wirkt sich dabei aus, dass die Qualität der verwendeten Medienformate und Metadaten sehr heterogen ist. Immerhin können aufgrund der offenen Lizenzierung auch Volltexte ohne rechtliche Probleme indiziert werden. Ein Beispiel für eine solche Suchmaschine ist das xpert-Angebot der Universität Nottingham, die zurzeit mehr als 320.000 offen lizensierte Ressourcen ausweist[32].

5.4 Herstellung von OER

Einen weiteren wichtigen Bereich stellt die Herstellung von OER dar, in die Bibliothekare ihre Kenntnisse über Metadatenstandards, Formate, kontrollierte Vokabularien und offene Lizenzen einbringen können. Läge die Verantwortung für die Herstellung ganz oder teilweise bei der Bibliothek, so könnte sie darüber hinaus die OER-Herstellung initiieren und koordinieren.

Die OER-Herstellungsprozesse können, je nach Ressourcentyp, sehr unterschiedlich gestaltet sein. So macht es einen großen Unterschied, ob man ein Arbeitsblatt herstellt, ein Lehrbuch, oder einen MOOC. Auch wenn bisher noch keine deutsche Bibliothek dem OCWC beigetreten ist, ist zu vermuten, dass an Hochschulen zukünftig die Herstellung von OCW im Vordergrund stehen wird. Daneben kann auch die Herstellung von Lehrbüchern eine wichtige Rolle spielen. Eine interessante Entwicklung geht schließlich dahin, dass Hochschulen, gefördert von Stiftungen, Lehrmaterialien für Schulen herstellen[33].

Ein wichtiger Unterschied zur Herstellung konventioneller Materialien liegt darin, dass in OER-Umgebungen bestehende Inhalte viel stärker nachgenutzt werden können, wodurch der Anteil der tatsächlich neu zu entwickelnden Inhalte reduziert werden kann.

Einen zweiten wichtigen Unterschied bildet die Integration sozialer Produktionsmechanismen, bei denen die Herstellungsprozesse auf eine Nutzercommunity übertragen werden. Der Grad der Integration sozialer Produktion kann sehr unterschiedlich sein. So ist es grundsätzlich möglich, auf Crowdsourcing sogar komplett zu verzichten, etwa in dem Fall, in dem ein Lehrbuch durch einen einzelnen Autor geschrieben und dann offen lizenziert wird. Im Gegensatz dazu kann die OER-Herstellung auch von Anfang an kollaborativ erfolgen. So etablieren sich z.B. im Bereich der (Lehr-)Buchherstellung sog. Booksprints, bei denen eine Gruppe Freiwilliger innerhalb weniger Tage ein Buch herstellt[34].

Nicht unproblematisch ist schließlich die kollaborative Weiterentwicklung von Lehrmaterialien. Will man die „Weisheit der Vielen“ nutzen um Lernmaterialien zu verbessern, ist es nämlich erforderlich, Prozesse zu entwickeln, mit deren Hilfe die dezentral erbrachten Anpassungen zurückgeführt und in die ursprüngliche Version integriert werden können. Durch die parallele Anpassungen und Überarbeitungen von Inhalten kann es dabei schnell zu einem Nebeneinander abgeleiteter Versionen kommen. Ein Lösungsansatz könnte hier sein, ähnlich wie in der Open-Source-Software-Entwicklung, Versionierungswerkzeuge einzusetzen, die es erlauben, vorgenommene Änderungen nachzuvollziehen, Seitenstränge (sog. “Forks”) zu eröffnen und Änderungen ggf. wieder in das Original aufzunehmen.

5.5 OER-Management

Die erstellten OER müssen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg professionell gemanaged werden. Dies erfordert vor allem die Ablage in einem geeigneten Repositorium. Da Hochschulen häufig bereits über Repositorien verfügen bietet sich hier eine Nachnutzung an, schon um eine unnötige Verdopplung der Betriebskosten zu vermeiden. Ob ein existierendes System für OER geeignet ist, muss allerdings im Einzelfall geprüft werden.

Beim Aufbau des Repositoriums ist insbesondere darauf zu achten, dass es angemessen mit anderen Systemen vernetzt werden kann. So sollte das OER-Repositorium innerhalb der Hochschule insbesondere mit dem institutionellen Discoverysystem und eventuell eingesetzten Learning-Management-Systemen verbunden sein, wobei darauf zu achten ist, dass Meta- wie Paradaten[35], die in den verschiedenen Systemen entstehen, zusammengeführt werden können[36]. Zudem müssen Schnittstellen zu anderen Repositorien, OER-Suchmaschinen und ggf. auch Langzeitarchivierungssystemen vorhanden sein. Um die notwendige Flexibilität und Interoperabilität zu erreichen, bietet sich die Verwendung von Webstandards in Verbindung mit einer leistungsstarken Web-API an.

6 Fazit

OER stellt einen globalen bildungspolitischen Megatrend dar, der in den kommenden Jahren weiter an Einfluss gewinnen wird. Insbesondere in Deutschland besteht Nachholbedarf, um wieder Anschluss an die internationale Entwicklung zu finden. OER verfügt über den Reiz, gleichzeitig ethisch richtig und wirtschaftlich effizient zu sein. Für Hochschulen kann mit der Einführung von OER der mit Open Access begonnene, grundliegende Wandlungsprozess hin zu Open Education und Open Science weitergeführt werden. In Zentrum steht dabei das Paradigma der sozialen Produktion von Wissen, das mit einem kulturellen Wertewandel einhergeht. Bibliotheken und Bibliothekare können dabei eine Schlüsselrolle übernehmen, wodurch ihre Tätigkeit zukünftig stärker ins Zentrum universitärer Lern- und Lehrprozesse rückt als bisher.


[1]Dobusch 2012, S. 37

[2] Englisches Original siehe: UNESCO 2012, Deutsche Übersetzung siehe: Deutsche UNESCO Kommission 2013

[3] Eine Übersicht über die verschiedenen OER-Definitionen findet sich bei Blees et al. 2013, S. 7–14

[4] Einen guten Überblick über die aktuelle MOOC-Landschaft gibt Yuan und Powell 2013 Ob es sich bei einem MOOC tatsächlich um OER handelt, muss im Einzelfall bestimmt werden. cMOOCs sind prozessorientiert und sind deshalb eher den Open Educational Practises zuzuordnen. xMOOCs sind contentorientiert aber häufig nicht offen lizensiert und in diesem Fall keine OER.

[5] Siehe dazu: http://ocw.mit.edu/index.htm

[6] Siehe dazu: http://www.ocwconsortium.org/

[7] Siehe dazu z.B.: http://openstaxcollege.org/

[8]siehe dazu: http://www.hand-ww.de/handbookhand/handbookhand.htm

[9] Siehe dazu: http://www.opencontent.org/definition/

[10] Einen guten Überblick über den rechtlichen Rahmen von OER bietet Kreutzer 2013

[11] Der Fragenkomplex wird detailliert behandelt bei Klimpel 2012

[12] so jüngst im Schulbereich geschehen: http://www.schulbuch-o-mat.de/

[13] Centre for Educational Research and Innovation (CERI) 2007

[14] Europäische Kommission 2013

[15] Siehe dazu: http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/access-to-knowledge/open-educational-resources/

[16] Mulder 2012

[17] Die Abbildung „Iron Triangle nach Mulder“ steht unter einer CC-BY-SA Lizenz. Es handelt sich um eine leicht modifizierte Fassung der Abbildung „Performance (as a model) of Dutch education along the three axes of accessibility, quality and efficiency“ von Fred Mulder, a.a.O. (Fn.16), S.74, publiziert unter CC-BY-SA.

[18] Educause 2012

[19] Robertson 2010, S. 2–3

[20] Siehe dazu: http://www.oer-quality.org/

[21] Siehe dazu: Downes 2007 und Schuwer und Janssen 2013

[22] Einen Überblick findet sich bei Bueno-de-la-Fuente et al. 2012, S. 8–13

[23] Bueno-de-la-Fuente et al. 2012

[24] Eine Übersicht über die vielfältigen Implikationen der Einführung von OER in Hochschulen findet sich bei UNESCO und Commonwealth of Learning 2011

[25] Ziedorn et al. 2013

[26] Thomas et al. 2012, S. 41–42

[27] Siehe dazu: http://www.lrmi.net/

[28] Schema.org ist eine von Google, Bing und Yahoo initiierte Sammlung verschiedener Schemata zur Erstellung strukturierter Daten Markups in Webseitenfor siehe dazu http://schema.org/

[29] siehe dazu z.B. http://www.scoop.it/ und http://storify.com/

[30] Kuipers 2012

[31] Ein gutes Beispiel im Bereich von OER bietet Andreas Link: http://www.scoop.it/t/open-educational-resources-oer

[32] http://www.nottingham.ac.uk/xpert/

[33] Siehe dazu: Boyd 2013

[34] Siehe dazu http://www.booksprints.net/

[35] Die englische Wikipedia definiert Paradaten als „usage data about learning resources that include not just quantitative metrics (e.g., how many times a piece of content was accessed), but also pedagogic context, as inferred through the actions of educators and learners.“

[36] Kortemeyer 2013

 

Literaturverzeichnis

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Ziedorn, Frauke; Derr, Elena; Neumann, Janna (2013): Metadaten für Open Educational Resources (OER). Eine Handreichung für die öffentliche Hand, erstellt von der Technischen Informationsbibliothek (TIB). Hg. v. Deutsches Institut für internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Technische Informationsbibliothek. Online verfügbar unter http://www.pedocs.de/volltexte/2013/8024/pdf/TIB_2013_Metadaten_OER.pdf.

Am 08.11.13 hat der Bundesrat den Beschluss 709/13 gefasst, in dem er sich unter anderen auch verhältnismäßig ausführlich zu OER äußert. Es handelt sich um eine Stellungnahme zur Mitteilung der EU-Kommission „Opening Up Education“, mit der die EU-Kommission im September 2013 die Förderung des Einsatzes von bildungsbezogener Informations- und Kommunikationstechnik im Allgemeinen und von OER im Speziellen angekündigt hatte.

Konkrete politische Folgen hat dieser Beschluss nicht. Er ist vermutlich inzwischen an die EU-Kommission übermittel und dort gelesen und abgeheftet worden. Ganz ohne Bedeutung ist der Beschluss aber dennoch nicht. Im Bundesrat sind die für die Bildung zuständigen Länder vertreten. Der Beschluss kann insofern als Stimmungsbarometer für die Einstellung der Ländern in Bezug auf OER gewertet werden, die vor dem Hintergrund, dass erst jüngst mit der Erstellung einer Bund-Länder-Stellungnahme zu OER begonnen worden ist, durchaus von Relevanz erscheint.

Was man in dem Beschluss lesen kann, klingt für OER-Befürworter sicherlich erst einmal ernüchternd. Zwar bekennt sich der Bundesrat eingangs zur „Förderung innovativer Lehr und Lernmethoden in der Bildung“ und stimmt der Kommission zumindest grundsätzlich zu, dass Technologien und digitale Lehr- und Lernmaterialien über das Potential verfügen Qualität, Effizienz und Zugänglichkeit von Bildungsangeboten zu verbessern. Begrüßt werden auch Anreize zum Ausbau der bildungsspezifischen Infrastruktur wie schnelle Internetverbindungen in Schulen, lizenzrechtlich einwandfreie (nicht offene!) Lerninhalte und nutzerfreundliche Lernplattformen.

Darüber hinaus tut man sich aber mit offenen Bildungsinhalten merklich schwer. „Die Länder [agierten] nicht als Anbieter von Lehr- und Lernmaterialien“, zudem bestünden in einigen Ländern (leider nicht näher spezifizierte) „ordnungspolitische Bedenken“ dagegen, „dass die öffentliche Hand selbst digitale Lehr- oder Lernmittel in Auftrag gibt“. Auf die geschäftlichen Interessen der Verlage wird da explizit Bezug genommen, leider ohne zu erwähnen, dass viele andere gesellschaftliche Gruppen von der Förderung von OER profitieren würden.

Immerhin wird, wenn auch nur „grundsätzlich“ begrüßt, dass „hochwertige europäische OER“ besser zugänglich gemacht und in Ihrer Entwicklung gefördert werden. Allerdings gebe die Mitteilung der Kommission „keine befriedingende Antwort auf die Frage, wie und nach welchen Kriterien die Qualität der grundsätzlich veränderbaren Inhalte […] sinnvoll, kontinuierlich und umfassend gesichert werden kann.“ Und ob sich mit OER wirklich, wie von der EU-Kommission behauptet, Kosten sparen ließen, sei angesichts der hohen erforderlichen Ausgaben für Breitbandverbindung fraglich.

An einigen Stellen erscheint der Beschluss unklar bis irreführend, etwa wenn da auf „mehr als eine Million bereits vorhandener Bildungsmedien im europäischen Raum“ verwiesen wird, deren Sichtung, Kategorisierung und Zertifizierung sowie die Prüfung der Rechteinhaberschaft ausstehen“. Hier kann man nur spekulieren, dass man sich auf das vom Verband Bildungsmedien geförderte Projekt „Bildungsmedien Online“ der Universität Augsburg beruft, das jedoch nicht offene, sondern lediglich kostenlose Bildungsinhalte untersucht und hervorhebt, dass diese häufig von Wirtschaftsunternehmen hergestellt werden, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Der Bezug zu OER bleibt unklar, schließlich würde es wenig Sinn machen zu fordern, dass die von McDonalds und Co hergestellten Bildungsmedien erst erfasst und ausgezeichnet werden müssen, bevor mit der Produktion von hochqualitativen offenen Inhalten durch ideologisch neutrale Hersteller begonnen werden darf.

Fazit: Es hätte noch schlimmer kommen können. Sicherlich, man hätte sich etwas mehr Inspiration gewünscht und weniger Vorbehalte gegen OER, die insbesondere in den Punkten 5. und 6. des Beschlusses deutlich spürbar sind. Stellenweise findet man bekannte OER-kritische Argumente wieder, etwa wenn die Interessen der Bildungsverlage einseitig hervorgehoben werden, oder das bei bei diesen ebenso beliebte wie falsche Totschlagargument der mangelhaften Qualität von OER undifferenziert übernommen wird.

Allerdings werden wohl nur die Wenigsten davon ausgegangen sein, dass eine breit angelegte Förderung von OER in der Politik nur Befürworter finden würde. Der Beschluss zeigt auch, dass seitens des Bundesrates Konzept und Vorteile von OER noch nicht ausreichend verstanden worden sind. Und er enthält die Chance, frühzeitig Anhaltspunkte zu bekommen, an welchen Stellen die politische Diskussion für und gegen OER geführt werden wird. Das Thema Qualität scheint dabei ganz oben auf der Liste zu stehen. Es gibt also noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten!

Neil Butcher ist einer der international erfahrensten Beobachter der OER-Bewegung. Auf der Berliner OERde13 hat er in seiner Abschluss-Keynote darüber gesprochen, worauf die Prioritäten bei der mit OER einhergehenden Veränderung unseres Bildungssystems gelegt werden sollten. Dabei hat Neil einige wichtige Punkte gemacht, die auch bei der in Deutschland nun anstehenden Definition eines OER-Programms hilfreich sein könnten und die ich deshalb im Folgenden kurz zusammengefasst habe. Wer Neil in voller Länge genießen will, kann sich dank werkstatt.bpb.de die Aufzeichnungen des Vortrages und des Interviews ansehen.

Um die jetzige Situation besser verstehen zu können, sei es zunächst einmal erforderlich zurückzublicken. Die Struktur unserer Schulen und Universitäten stamme aus einer Zeit, in der Information (z.B. in Form von Büchern) noch eine knappe Ressource war und auch nur wenig neue Informationen entstanden. In dieser Situation sei es sinnvoll gewesen, Lehrer als Multiplikatoren einzusetzen, zumal die Arbeitskraft damals noch verhältnismäßig billig gewesen sei. Heute jedoch stelle sich die Situation ganz anders dar. Aus der früheren Informationsknappheit sei inzwischen eine Informationsflut geworden. Mit Blick auf das Bildungssystem herrsche deshalb die paradoxe Situation, dass wir ein Bildungssystem, das für Zeiten der Informationsknappheit gestaltet wurde, in Zeiten des Informationsüberflusses immer noch verwenden würden.

Die Einführung von OER böte nun die große Chance innezuhalten und zu überdenken, wie das Bildungssystem für das kommend Jahrtausend gestaltet werden könne. Dabei müssten drei Fragen geklärt werden:

  1. Wie sollen Schüler und Studenten ihre Zeit verbringen?
  2. Was soll gelernt werden?
  3. Welche Rolle sollen Lehrer dabei übernehmen?

Auch wenn es auf Mikroebene viele hervorragende und innovative OER-Projekte gäbe, würden diese Fragen auf Makroebene noch weitgehend vernachlässigt. Fortschritte einzelner Projekte würden hier eher dazu genutzt, eine Illusion von Veränderung zu schaffen, tatsächlich würde aber das überkommene System aufrecht erhalten, was verhängnisvolle Folgen haben könne. Wenn man nämlich Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) zu einem bestehenden Bildungssystem hinzufüge, alle anderen Komponenten jedoch unverändert ließe, so hätte dies fast zwangsläufig zur Folge, dass sich die Kosten des Bildungssystems erhöhten und sich seine Qualität verschlechterte. Der Einsatz von Learning Management Systemen stelle meistens nur noch eine weitere Aufgabe dar, die den Lehrern übertragen würde, die ohnehin schon mit den vielen ihnen auferlegten Aufgaben überfordert seien. Der Einsatz eines Produktivitätswerkzeuges, das mehr Arbeit verursache, mache jedoch keinen Sinn, weshalb Learning-Management-Systeme auch auf breite Ablehnung bei Lehren stoßen würden.

Dabei sei mit IKT und OER eigentlich bereits alles notwendige vorhanden, um das Bildungssystem zu reorganisieren, nämlich ein reicher Bestand an offenen Inhalten und die Werkzeuge zur Produktion und Verwaltung von weiteren Inhalten. Dadurch würde es möglich, Schüler und Studenten, die bisher in Klassenräumen und Vorlesungen fest säßen, zu befreien und ihnen die Verantwortung für ihre eigenen Ausbildungsprogramme zurückzugeben. Entscheidend sei dabei, dass zukünftig die Schüler und nicht mehr die Lehrer die Zusammenstellung („Packaging“) der Inhalte übernehmen sollten. Im Zentrum müsse dabei die Vermittlung des curricularen Lehrstoffes anhand von realitätsnahen Problemen stehen. Jede Recherche gebe den Schülern dabei die Möglichkeit zu lernen, was gute und was schlechte Inhalte seien. Den Lehrern käme dabei die wichtige Aufgabe zu, die Schüler und Studenten auf ihren Reisen durch die Informationslandschaft zu begleiten. Dadurch, dass sie dann nicht mehr die unzähligen Entscheidungen auf Mikroebene bezüglich der Auswahl der richtigen Lerninhalte treffen müssten, würden die Lehrer erstmals wirklich nennenswert entlastet. Auch für die Schüler würde dieses Vorgehen zu einer Zeitersparnis führen. Nach seiner Erfahrung könnten Schüler den curricular vorgeschriebenen Stoff in zwei bis drei Stunden am Tag lernen, wenn Sie sich nicht mehr in den starr vorgegebenen Stundenplänen bewegen müssten.

Dieser Zeitgewinn sei eine wichtige Voraussetzung für eine wirkliche Veränderung des Bildungssystems, da Lehrer und Entscheidungsträger in den Bildungsinstitutionen momentan keine Zeit fänden, sich über die notwendigen Veränderungen Gedanken zu machen. Eine solche reflexive Praxis sei aber eine Voraussetzung für eine zukünftige Veränderung des Systems. Wie das Bildungssystem der Zukunft aussehe, könne momentan niemand sagen. Den einen richtigen Ansatz werde es vermutlich nicht geben, vielmehr müsse jetzt experimentiert werden um herauszufinden, welche Modelle geeignet seien und übernommen werden könnten.

Als konkrete nächste Schritte empfiehlt Neil:

  1. Einen systematischen Bürokratieabbau, bei dem alle bestehenden Regelungen überprüft und ggf. aufgehoben werden sollten. Aus internationalen Vergleichen wisse man, dass die Bildungssysteme, die ihre Ausbildungseinrichtungen nur mit einem schlanken Regelapparat belasteten, wie z.B. in Finnland und Südkorea, am besten funktionieren würden.
  2. Die konsequente Ausrichtung aller Aktivitäten im Bereich OER auf Schüler und Studenten. Momentan stünden bei vielen Projekten die Lehrer immer noch zu stark im Fokus des Interesses.
  3. Dem institutionellen Entscheidungsträgern müsse mehr Entscheidungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Schulen und auch Hochschulen seien, aller akademischen Freiheit zum Trotz, sehr beschränkt in ihren Handlungsmöglichkeiten. Hier müssten die Voraussetzungen für eine zukünftige dezentralisierte Organisation des Bildungssystem geschaffen werden.

Dabei sei insgesamt große Eile geboten. Die augenblicklichen Bildungssysteme würden Schüler und Studenten nicht mehr angemessen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, was an der steigenden Jugendarbeitslosigkeit erkennbar wäre. Die ökonomische Marginalisierung der Jugend sei jedoch eine sehr schlechte Idee und würde zu massiven sozialen Spannungen führen. Wenn wir nicht bald effektiv gegensteuerten, drohe ein Zusammenbruch. Man könne aktuell nicht sagen, welche der kommenden Generationen betroffen sei, aber es bestünde kein Zweifel, dass die betroffene Generation eine sehr unglückliche Generation sein werde.

Vorletzte Woche habe ich auf der OERde13 einen Vortrag zum Thema „Eckpunkte eines deutschen OER-Programms“ gehalten, den man sich dank werkstatt.bpb.de online ansehen kann:

Die Folien zum Vortrag gibt es hier als Powerpoint und PDF-Datei:

Außerdem gibt es noch eine Etherpad-Doku zum Vortrag, die allerdings noch recht unvollständig ist.

Ziel des Vortrages war es, das komplexe und unübersichtliche Thema mal etwas handlungsorientiert zu fokussieren. Dabei kann es sich natürlich nur um einen ersten Aufschlag handeln, der als solcher unvollständig und vorläufig ist. Ich freue mich insofern über Ergänzungen, Anmerkungen und Kritik!.

Ein gutes Jahr ist es her, dass im Rahmen des Welt-OER-Kongresses die UNESCO OER-Deklaration feierlich und vor grandioser Kulisse verabschiedet worden ist. Jetzt liegt der vollständige Text erstmals auch in einer deutschen Übersetzung der DUK vor. Ein guter Anlass, ein paar Fotos zu posten, die vielleicht andeutungsweise die Freude wiedergeben, die damals in Paris herrschte. Mit Neil Butcher, Abel Cain, Daniel Mietchen und Fred Mulder sind vier der Sprecher des Weltkongresses auch auf der OERde13 vertreten, die am 14. und 15. September in Berlin stattfindet. – Ein Gütesiegel für das auch ansonsten hochklassiges Programm! Höchste Zeit also, sich anzumelden und mit der Reiseplanung zu beginnen!

Open Notthingham

Vom 26. bis zum 27. März 2013 fand in Notthingham die OER13 statt. Veranstaltungsort war der Jubilee Campus der Universität Notthingham. Die Universität, die sich laut der Londoner Times (via Wikipedia) in den letzten zwanzig Jahren zur Hauptalternative zu Oxbridge entwickelt hat, verfügt neben dem Campus in Notthingham über je einen Campus in China und in Malaysia und kann deshalb zu Recht als internationales Unternehmen bezeichnet werden. Notthingham ist auch im OER-Bereich führend. Unter Open Notthingham findet man das OER-Angebot der Universität, zu dem die eigene OER-Suchmaschine XPert, die open source Suite zur Erstellung von OER-Inhalten Xerte, das Open Courseware Repositorium U-Now, ein I-Tunes U Auftritt und ein eigener Channel auf YouTube Edu gehören. Auf letzterem gehört die Periodic Table of Videos Serie zu den absoluten Publikumsmagneten, in der Martyn Poliakoff, gestylt mit typischer Professorenfrisur, das Periodensystem mit einem Video pro Element erklärt. Die Periodic Videos haben bisher beachtliche 40 Millionen Clicks generiert und lagen damit zweitweise noch vor dem Channel des Chealsea Fußball Clubs, wie Professor Alan Ford in seiner Begrüssungsrede nicht ohne Stolz anmerkte.

An der Konferenz nahmen insgesamt ca. 220 Teilnehmer aus mindestens 12 verschiedenen Ländern teil. Die OER13 war damit größer als ihre Vorgängerveranstaltungen OER10, OER11 and OER12, und dass, obwohl das JISC-Förderprogramm kürzlich ausgelaufen ist und damit wohl weniger Mittel zur Verfügung standen als in den vorherigen Jahren. Im Gegensatz zu Deutschland liegt in Großbritannien der Schwerpunkt der OER-Bewegung im Hochschulbereich. Entsprechend kamen die meisten Teilnehmer aus dem tertiärem Bildunsgbereich. Zu den auf der OER13 vorgestellten und diskutierten Themenkreisen gehörten neben den auch in England aktuell gehypten MOOCS insbesondere auch Fragen der OER-Policy sowie die Auffindbarkeit von OER, wobei auch die Rolle von Bibliotheken im OER-Ecosystem intensiv diskutiert wurde.

Policy

Im Zentrum der Policy-Diskussion stand die Vorstellung von Zwischenergebnissen des von Paul Bacsich geleiteten POERUP-Projektes, das aktuell die OER-Aktivitäten in ausgesuchten Ländern scannt. Einen guten Überblick über die internationale Entwicklung gibt der POERUP-Elevator Pitch, in dem der OER-Entwicklungsstand von 26 Länder im Schnelldurchgang beleuchtet wird. Nach der Erstellung der Länderberichte in der ersten Projektphase, ist es Ziel der nun folgenden Analysephase, die Länderberichte auszuwerten und eine Reihe von Berichten zu erstellen, darunter verschiedene Fallstudien und -besonders interessant- drei Empfehlungspapiere zur Entwicklung von OER-Policies in Schulen, Colleges und Universitäten. Obwohl der wirklich spannende Teil des Projektes also erst noch kommt, gab es bereits eine Reihe interessanter Einschätzungen und Tendenzen, darunter Bekanntes, aber auch einiges Neues.

Dass sich die USA, Großbritannien, die Niederlande und auch Polen stark in Sachen OER engagieren, hat sich bei der deutschen OER-Community ja bereits herumgesprochen. Weniger bekannt ist dagegen, dass auch Spanien anscheinend zu den führenden OER-Nationen gehört, auch wenn man schon seit einer Weile auf der (lediglich als Beispiel dienenden und noch sehr unvollständigen) OER-Worldmap erkennen konnte, dass viele der spanischen Hochschulen am Open Course Ware Consortium teilnehmen. Seitens POERUP wurde nun bestätigt, dass sich Spanien in Sachen OER-Einführung sehr engagiert, was allerdings von einigen spanischen Konferenzteilnehmern bezweifelt wurde.

Das starke spanische Engagement erscheint mir aus verschiedenen Gründen interessant. So ist zum einen in mehreren Diskussionen und Gesprächen die These vertreten wurden, dass zumindest eine Korrelation zwischen den Auswirkungen der Finanzkrise und einem starken OER-Engagement besteht. Ein starkes Engagement in Spanien würde diese These stützen, da Spanien ja zu den besonders krisengeschüttelten Ländern in Europa gehört. Dazu würde -unter umgekehrten Vorzeichen- auch das schwache Engagement in Deutschland passen, das von der Finanzkrise bisher weitgehend verschont geblieben ist, weshalb hier wenig Leidensdruck zur Investition in OER besteht. Ähnlich könnte die Situation in den skandinavischen Länder aussehen.

Zum anderen ist das Beispiel Spanien interessant, weil Spanisch in vielen Ländern der Erde, u.a. in großen Teilen Südamerikas gesprochen wird und der spanische Sprachraum deshalb fast so groß ist, wie der englische. Als Folge dessen können sich spanischen OER schnell und weit verbreiten. Dadurch könnte es schnell zu positiven Rückkopplungsprozessen kommen, wenn auch andere spanisch sprechende Länder verstärkt in die Produktion von OER einsteigen. Laut POERUP käme dafür z.B. Mexiko in Frage, dass in den letzten Jahren massiv in OER investiert hat.

Bibliotheken und Findbarkeit

Direkt in mehreren Vorträgen wurde die Rolle der Bibliotheken im OER-System hinterfragt. Gema Bueno de la Fuente stellte die Ergebnisse einer an der Universität Strathclyde durchgeführten Studie zur Rolle von Bibliotheken in OER-Initiativen vor. Danach bringen Bibliotheken und Bibliothekare wertvolle Kompetenzen in die Durchführung von OER-Projekten ein. Ihr Wissen über Metadatenstandards, Information Retrieval und Repositorien können Bibliothekare sowohl in die Herstellung, als auch in die Verwaltung und Verbreitung von OER-Inhalten einbringen. Dazu müssen bestehende Arbeitsabläufe meist nur minimal angepasst werden. Insgesamt seien Bibliothekare deshalb gern gesehene Partner in OER-Projekten. Trotzdem bestünde noch viel Unkenntnis, häufig seien sich die Bibliotheken des Themas noch nicht ausreichend bewusst, ebenso, wie umgekehrt viele OER-Projekte die Bibliotheken als potentielle Projektpartner übersehen würde. Bibliotheken sollten sich deshalb verstärkt in die Herstellung und Verwaltung der OER-Bestände ihrer Institution einbringen und dadurch einen wichtigen Beitrag zum Wachstum der Bewegung leisten. Dies wäre von kaum zu überschätzender Bedeutung, da OER-Materialien häufig immer noch schwer zu finden sind, was eines der wesentlichen Hemmnisse bei der Etablierung von OER darstellt.

Im Einzelnen bestand hinsichtlich der Notwendigkeit und Funktion von Metadaten durchaus Uneinigkeit. So vertrat z.B. David Buchanan von JISC die Meinung, dass eine aufwändige Auszeichnung von OER mit Metadaten, ebenso wie ein zentraler Sucheinstieg nicht erforderlich sei. Das Netz sei die Plattform, OER würden ausreichend durch soziale Netzwerke verbreitet, dabei käme persönlichen Empfehlungen eine wichtige Stellung zu. Hingegen vertraten Bibliothekare eher die Ansicht, dass Metadaten für OER genauso wichtig seien, wie für “konventionelle” wissenschaftliche Inhalte. Eine technische Perspektive auf Metadaten bot Phil Barker, der sich für die Nutzung des auf schema.org basierenden neuen Metadatenstandards LRMI (Learning Resource Metadata Initiative) aussprach. LRMI ist ein Projekt, das von Creative Commons und der Association of Educational Publishers betrieben wird und zielt darauf ab, ein schlankes Schema bereitzustellen, das sich als De-Facto-Standard im Web etablieren soll. Schließlich war man seitens des niederländischen Wikiwijs Projekts der Auffassung, dass zukünftig die Findbarkeit von OER’s durch semantische Webtechnologien automatisch erfolgen könnte, wobei dann nicht nur die auszuzeichnende Seite selbst, sondern auch andere Seiten, die mit der Ausgangsseite verlinkt sind, zur Auswertung herangezogen werden könnten. Um dahin zu kommen, sei es jedoch erforderlich, erst einmal Inhalte sorgfältig manuell auszuzeichnen, um einen Bestand zu schaffen, von dem dann die zukünftige künstliche Intelligenz lernen könne.

Creating Virtious Circles

Ihrem aus kybernetischer Sicht viel versprechende Titel ist die OER13 für mich nicht ganz gerecht geworden. Welcher sich selbst verstärkenden Aufwärtskreisläufe es bedarf, um der OER-Bewegung endgültig zum Durchbruch zu verhelfen, habe ich jedenfalls nicht erfahren. Abgesehen davon war die OER13 eine spannende und hoch informative Veranstalltung. Neben den Bibliotheken als potentiellen neuen OER-Allierten traten auf der OER13 auch die Studenten mit Nachdruck in Erscheinung. Mit Toni Pearce von der National Union of Students und Nick Shockey von der The Right To Research Coalition wurden direkt zwei Keynotes von Studentenvertretern gehalten. Tatsächlich kommt Studenten (und Schülern) eine wichtige Rolle innerhalb der OER-Bewegung zu. Sie haben eine Doppelrolle als potentielle Nutzer und Produzenten von OER und können deshalb zu machtvollen Akteuren der OER-Bewegung werden. Darüber hinaus tragen Sie auch wesentliche Teile der Kosten für Lehrmaterialien, die sie vielleicht in Zukunft auch gezielt für die Produktion von offenen Lehrmaterialien einsetzen könnten. Gelänge dies, wären wir den “OER-Engelskreisen” sicherlich schon sehr nah. Genaueres dazu erfahren wir dann vielleicht im kommenden Jahr auf der OER14…