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Vorletzten Samstag hatte ich das Glück, den Nobelpreisträger und früheren Chefökonomen der Weltbank, Joseph Stiglitz im Rahmen der lit.COLOGNE live erleben zu können. In seinem neuen Buch “Der Preis der Ungleichheit“ untersucht Stiglitz die Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit für die USA und andere moderne Gesellschaften. Seine Kernthese lautet, dass soziale Ungerechtigkeit, die insbesondere in der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich zum Ausdruck kommt, den wirtschaftlichen Erfolg von Volkswirtschaften gefährdet, indem Sie deren Wachstum senkt und ihre Effizienz hemmt. Soziale Ungleichheit führt insbesondere dazu, dass das Potential der Menschen, die den wichtigsten Produktionsfaktor einer Volkswirtschaft darstellen, nicht optimal genutzt wird. Diese Einsicht mag für viele nahe liegend sein, für Wirtschaftswissenschaftler ist sie aber durchaus nicht selbstverständlich, nehmen diese doch häufig auf die „Trickle-down-Theorie” Bezug, nach der der Reichtum der obersten Gesellschaftsschichten nach unten “durchsickert”, etwa weil Reiche viel konsumieren und Angestellte beschäftigen. Manchmal muss man halt Experte sein, um eine Sache nicht zu verstehen. Das Argument ist nämlich, so Stiglitz, schlichtweg falsch, da Reiche relativ gesehen einen geringeren Teil ihres Einkommens ausgeben als dies Arme tun würden. Wird also Geld von unten nach oben umverteilt, so führt dies zu einem Absinken des Konsums und damit zu einem Rückgang der Binnennachfrage.

Soziale Gerechtigkeit wirkt sich aber nicht nur auf das Wirtschaftssystem aus, sondern durchzieht auch andere wichtige Gesellschaftssysteme, etwa das Politik- und das Rechtssystem. In den USA etwa herrscht Stiglitz zufolge inzwischen ein demokratisches Zerrbild, das anstatt von “One Man – One Vote” eher durch “One Dollar – One Vote” beschrieben werden kann. Ähnlich sieht es mit dem Recht aus, vor dem eben nicht alle gleich sind, sondern das derjenige erhält, der es sich leisten kann. In ihrer Kombination sind die wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Folgen sozialer Ungerechtigkeit verheerend. Langfristig entsteht eine gespaltenen Zweiklassengesellschaft, in der die Reichen in “Gated Communities” leben und alleinigen Zugriff auf eine gute Ausbildung und Gesundheitsversorgung haben.

So weit so schlecht. Nun konzentriert sich Stiglitz bei seinen Darstellungen auf die USA. Aber wo steht Deutschland? Diese Frage beantwortet die 2011 erschienene Bertelsmann Studie „Soziale Gerechtigkeit in der OECD„. Sie kommt zu dem eher ernüchternden Ergebnis, dass Deutschland in Sachen soziale Gerechtigkeit im OECD Durchschnitt nur auf Platz 15 von 31 kommt. Auf den ersten Plätzen liegen geschlossen die skandinavischen Länder, gefolgt von den Niederlanden und der Schweiz.

Soziale Gerechtigkeit in der OECD, Quelle Bertelsmann

Wie aber berechnet man soziale Gerechtigkeit? Die Bertelmann-Studie verwendet dazu einen “Index Soziale Gerechtigkeit” der auf Grundlage der Arbeiten von Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung basiert. Dazu wurden fünf Zieldimensionen gebildet, nämlich, “Armutsvermeidung”, “Inklusion in den Arbeitsmarkt”, “soziale Kohäsion und Gleichheit”, “Generationengerechtigkeit” und – und jetzt nähern wir uns dem Thema OER – “Bildungszugang”. Der Zugang zu Bildung wird dabei als besonders wichtig eingestuft, was in der doppelten Bewertung der Zieldimension zum Ausdruck kommt, die nur noch von der Dimension “Armutsvermeidung” übertroffen wird, die dreifach gewertet wird. In dieser Bewertung kommt die grundlegende Wechselbeziehung zwischen Bildung und Wohlstand zum Ausdruck: Wer keinen Zugang zu Bildung hat, dem bleibt der soziale Aufstieg verwehrt. Wer sozial benachteiligt ist, findet keinen Zugang zu Bildung (Bertelsmann, 2010 S.17). Erschreckend ist nun, dass Deutschland gerade in der Kategorie “Bildungszugang” nur auf Platz 21 kommt und damit noch hinter den USA (19.) und Chile (20.) liegt!

Bildungszugang in der OECD, Quelle: Bertelsmann

Wir können als Zwischenergebnis festhalten, dass der Zugang zu Bildung einen wichtigen Faktor für die Entstehung von sozialer Gerechtigkeit darstellt. Die nahe liegende Annahme ist nun, dass durch eine flächendeckende Einführung von OER der Zugang zu Bildung für eine große Zahl von Menschen deutlich erleichtert werden kann. Für viele OER-Befürworter ist dies offensichtlich, aber auch jenseits von dogmatischer Überzeugung und utopisch angehauchtem Optimismus lassen sich gute Argumente dafür finden, dass dies tatsächlich so ist. Zwar kann der Zugang zu Bildungsressourcen nicht 1:1 mit dem Zugang zu Bildung gleich gesetzt werden. Zum einen ist Bildung mehr als nur Bildungsmaterial und zum anderen bedeutet die bloße freie Verfügbarkeit von Materialien im Internet noch nicht, dass diese auch genutzt werden. Trotzdem begünstigen OER die Entwicklung von Bildung. Lernmaterialien spielen schon seit jeher eine wichtige Rolle in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, man denke nur an die berühmten Materialien von Maria Montessori. Vor dem Hintergrund der mit der Digitalisierung einhergehenden neuen Möglichkeiten verwundert es deshalb nicht, dass die UNESCO ressourcenorientiertes Lernen propagiert und in Frage stellt, dass das überkommene Bild der Wissensvermittlung durch den “vortragenden Lehrer” immer den pädagogisch und finanziell effektivsten Weg darstellt (Butcher 2011, S.26). Das Konzept des ressourcenorientierten Lernens scheint in Deutschland noch nicht viel Beachtung gefunden zu haben. Immerhin gibt es erste Ansätze. So entwickeln im Rahmen des Projektes CROKODIL die TU Darmstadt, die Leibnitz Universität Hannover und die TU Kaiserslautern gemeinsam mit Siemens und anderen privatwirtschaftlichen Partnern Lösungen zur Unterstützung von selbstgesteuertem resourcenbasiertem Lernen.

Dass das bloße Vorhandensein von Ressourcen Lernprozesse stimulieren kann, belegt weiterhin eindrucksvoll das “Hole in the wall“ Experiment von Sugata Mitra, bei dem Kinder aus strukturschwachen Gebieten in Indien durch die bloße zur Verfügungstellung eines Computers mit Internetanschluss zu teils erstaunlichen Lernerfolgen kamen. Auf Basis der gemachten Erfahrungen hat Sugata Mitra die “Minimally Invasive Education” Methode entwickelt, die darauf abzielt, Lernumgebungen aufzubauen, die Kinder motivieren zu lernen, ohne dabei von einem Lehrer angeleitet zu werden. Mitra betont, dass dabei die Interaktion der Kinder in sich selbst organisierenden Lerngruppen von großer Bedeutung ist, z.B. indem es schnell zu einer “Expertenbildung” in der Form kommt, dass einzelne Kinder besondere Fähigkeiten entwickeln, die Sie dann an andere Kinder weitergeben.

Kinder in Kambodscha bei der Benutzung einer Learning-Station, © by Hole-in-the-Wall Education Limited

Nun mag vielleicht der eine oder andere bezweifeln, dass sich Mitras Erkenntnisse aus dem unteren Bereich des Bildungsspektrums ohne weiteres auf entwickelte Bildungssysteme, wie z.B. das deutsche übertragen lassen. In diesem Fall kann man am Beispiel der amerikanischen Elite-Hochschulen, wie MIT, Harvard, Berkeley, Stanford u.a. erkennen, wie offene Bildung im High-End-Bereich aussehen könnte. Mit großem finanziellen Aufwand werden hier sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCS) entwickelt und auf Plattformen wie EdX, Coursera und Udacity angeboten. Tatsächlich scheint sich hier der Eingangs erwähnte Unterschied zwischen Bildung- und Bildungsressourcen zu minimieren, da es keinen allzu großen Unterschied mehr macht, ob man eine Vorlesung live oder per Videostream verfolgt. Selbstbewusst verweist z.B. Coursera auf eine 2010 vom US Department of Education veröffentlichte Metastudie in der 45 E-Learning Studien ausgewertet worden sind und die zum Ergebnis kommt, dass E-Learning mindestens ebenso effektiv sei, wie ein konventionelles Präsenzstudium. Die MOOC-Welle scheint nun auch nach Deutschland zu schwappen, wie man an der openHPI-Plattform des Potsdamer Hasso Plattner Instituts erkennen kann.

Berücksichtigt man die genannten Beispiele, so wird man nur schwerlich bestreiten können, dass eine flächendeckende Versorgung mit OER’s eine förderliche Auswirkungen auf die in einer Gesellschaft ablaufenden unzähligen Bildungsprozesse haben wird. Zwar führen offene Bildungsresourcen nicht automatisch zu gebildeten Menschen, aber immerhin würde kein Lernwilliger mehr davon abgehalten werden, dass er nicht über die nötigen Mittel verfügt, um sich Zugang zu Lernmaterialien zu verschaffen. Und diese Wirkung würde an vielen Stellen in der Gesellschaft auftreten. Eine hervorragende Eigenschaft von OER’s ist nämlich deren namen gebende Offenheit, die sie gleichsam in formellen, wie in informellen Bildungskontexten relevant werden lässt. Lehrer können davon ebenso profitieren, wie Schüler, Studenten ebenso wie Professoren. Aber in der beruflichen Weiterbildung können OER-Materialien nachgenutzt werden, genauso wie z.B. in Volkshochschulen und anderen Weiterbildungseinrichtungen. Nicht zuletzt könnten durch eine OER-Einführung die Bildungschancen von Autodidakten erheblich verbessert werden könnte. Insgesamt würden die Bedingungen für lebenslanges Lernen durch eine flächendeckende OER-Versorgung dramatisch verbessert.

OER stellen aber nicht nur den effektivsten Verbreitungsmechanismus für Lerninhalte dar, OER-Plattformen versprechen dabei auch noch besonders robust zu sein, da sie den Bildungsprozess vom Finanzierungsprozess entkoppeln. Was mit wenig Mitteln, z.B. in Afrika aufgebaut und betrieben werden kann, sollte auch in einem krisengeschüttelten Europa funktionieren. In Situationen, wie in Spanien oder Griechenland, in denen die Jugendarbeitslosigkeit bis zu 50% beträgt, könnten sich ein ausgebautes OER-System als entscheidender strategischer Vorteil erweisen. Die Bereitstellung von kostenlosen Bildungsangeboten stellt in solchen Situationen nach Arbeit sicherlich das zweitbeste dar, was man Jugendlichen anbieten kann.

Wir können also zusammenfassen: Die soziale Gerechtigkeit hat nach Stiglitz großen Einfluss auf Stabilität und Effektivität von Wirtschafts-, Politik- und Rechtssystem und damit auf unsere Gesellschaft insgesamt. Ein wichtiger Faktor für die Entstehung sozialer Gerechtigkeit ist der Zugang zu Bildung, der durch Offene Lern- und Lehrmaterialien erleichtern wird. Auch wenn die Zusammenhänge hier nur grob skizziert worden sind, so sprechen gute Argumente dafür, dass eine Einführung von OER positive Auswirkungen auf die soziale Gerechtigkeit und damit auf die Gesellschaftsverfassung insgesamt haben wird. Auch in Deutschland können durch die Förderung von OER der Zugang zu Bildung und die soziale Gerechtigkeit verbessert werden. Diese Wirkungen auf Makroebene sind ganz wesentliche Argumente für eine Förderung von OER, können aber in mikroökonomischen Modellen, wie z.B. in Geschäftsmodellen nicht oder nur teilweise abgebildet werden. Wenn unsere Politiker dies berücksichtigen, besteht Hoffnung, dass Deutschland in der der nächsten Studie wieder den Anschluss zur Spitzengruppe findet!

Literatur

Über die vielen interessanten Sessions des OERcamps könnte man viel schreiben. Für mich standen Fragen der politischen Umsetzung und der Geschäftsmodelle im Vordergrund, beides wurde in mehreren Sessions diskutiert, zusätzlich interessant wurde das Barcamp durch die Anwesenheit von Vertretern von Klett und Cornelsen, die aufschlussreiche Einblicke in die Arbeitsweise von Schulbuchverlagen gaben.

Foderungen an die Politik

Eine spannende Session widmete sich der Frage, was für Forderungen an die Politik zu stellen sind. Die Ergebnisse decken sich interessanter Weise weitgehend mit den Vorschlägen, wie sie im Augenblick im Zusammenhang mit der UNESCO Paris-Deklaration diskutiert werden:

Bewustseinsbildung

Wer OER nicht kennt, hat keine Meinung dazu und wird OER’s weder nutzen noch fördern. Erstes und oberstes Ziel muss es deshalb sein, OER bekannt zu machen und im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Erstellung von OER-Policies

OER ist ein Thema, dass in naher Zukunft viele staatliche Institutionen beschäftigen wird. Für viele wird dabei die Frage aufkommen, wie sie sich zum Thema OER verhalten sollen. Wünschens- und unterstützenswert wäre es, wenn diese Beschäftigung möglichst schnell zur Verabschiedung von OER-Policies führen würde, die dann als Leitbild für die weitere Einführung von OER’s dienen können. Entsprechende Policies müssen auf unterschiedlichen Ebenen (Bundesebene, Länderebene, Landschaftsverbände & Kommunen, Universitäten, Schulen, Sonstige Bildungseinrichtungen) verabschiedet werden und entsprechen unterschiedlich ausgestaltet werden. Anregungen, wie eine solche OER-Policy aussehen könnte, kann man sich dafür bei der OER Policy Registry holen, die aktuell von Creative Commons aufgebaut wird.

Durchführung von Pilotprojekten

Die akuelle Diskussion in Deutschland ist hochgradig theoretisch, zwar gibt es erste Plattformen z.B. zum Tausch von OER-Arbeitsblättern, aber insbesondere im Bereich der Schul- und Lehrbücher gibt es hier noch keine Erfahrungen. Deshalb wäre es wünschenswert, möglichst schnell ein erfolgreiches Lehrbuchprojekt durchzuführen, das intensiv wissenschaftlich begleitet wird, so dass die gemachten Erfahrungen in den weiteren politischen Diskussionsprozess einfließen können. Felix Schaumburg und andere wiesen dabei, meiner Meinung nach zu recht, darauf hin, dass sich dabei ein naturwissenschaftliches oder mathematisches Buch anbieten würde, da hier die Problematik der Klärung von Drittrechten (für die der Klett-Verlag alleine mehrere Juristen beschäftigt, so dass die Kosten für die Rechteklärung 4 mal höher sind, als die eigentlichen Herstellungskosten!) möglichst gering bleibt. Wichtig fand ich in diesem Zusamenhang den u.a. von Hermann Stubbe, geäußerten Hinweis, dass ein „sportlicher“ Wettbewerb zwischen OER-Büchern und konventionellen Büchern, wie ihn die Verlage angeblich gerne aufzunehmen bereit wären, ohne staatlich Anschubsfinanzierung nicht möglich ist. Sinnvoll wäre es nach Hermanns Auffassung, von den aktuell jährlich an die Schulbuchverlage fließenden ca. 350 Mio Euro ca. 10 Mio Euro auf die Erstellung von OER’s zu verwenden, da andernfalls kein Wettbewerb entstehen wird. Ich halte die genannte Größenordnung für sehr angemessen, da sie es erlauben würde, von Anfang an hochqualitative Lösungen zu erarbeiten, ohne dabei die bestehende Verlagsstrukturen übermäßig zu gefährden. Aber auch wenn es im ersten Schritt nicht zu dieser „Optimallösung“ kommen würde, ließe sich auch mit geringeren Mitteln erste Lehr- oder Schulbücher erstellen, z.B. indem bereits existierende Projekte, wie z.B. das Living-Textbook-Projekt der ZB-Med gefördert werden. Liegen solche erste Bücher dann vor, so können verschiedenste Aspekte untersucht werden. Besonders wichtig erscheinen mir dabei zwei Fragen: 1) Welche Kosten entstehen bei der Herstellung von OER-Lehrbüchern? 2) Wie Nutzen Schüler und Studenten OER-Lerbücher? Erfolgt die Nutzung entsprechend der Nutzung von konventionellen Lehrbüchern, oder machen die Lernenden davon Gebrauch, die Inhalte zu bearbeiten und zu verändern, so dass auch qualitativ neue Dimensionen hinzutreten?

Aufbau einer zentralen Standardisierungsstelle

Keine Frage, OER ist eine Grassroot-Bewegung, die von vielen kleinen engagierten Projekten „buttom-up“ maßgeblich gestaltet und geprägt wird. Trotzdem ist es meiner meiner Meinung nach erforderlich, eine zentrale Institution einzurichten, die folgende Aufgaben übernimmt:

  • Entwicklung und Bereitstellung von Tools (z.B. kollaborative Autorentools) und Best Practises
  • Festlegung von Standards, z.B. für Formate, Metadaten und Technologien.
  • Rechtliche Beratung und Beratung bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen
  • Consulting bei der Durchführung von OER Projekten
  • Optional: Bereitstellung einer einheitlichen Suchmöglichkeit, falls nicht andererorts vorhanden

Weitere Forderungen

Es gab noch weitere gute und wichtige Punkte, etwa den hervorragenden Vorschlag von Felix Schaumburg Schulen die Möglichkeit zu geben, anstelle von Lehrmaterialien neue Lehrer anstellen zu können, die dann z.B in Vollzeit Lehrmittel herstellen können. Momentan ist es nämlich anscheinend in bester kameralistischer Tradition so, dass bereitgestellte Mittel, die nicht in Anspruch genommen werden, verfallen oder nicht mehr bereitgestellt werden. Wenn das zutrifft, dann kommt dies einer Unterbrechung des Feedbackkanals gleich, wodurch die kontrollierende Wirkung des Marktes unterbrochen wird: Die Schulen kaufen auf jeden Fall Schulbücher, egal wie gut oder schlect diese sind, da sie alternativ nur auf die Mittel verzichten könnten. Echte Marktwirtschaft sieht anders aus!

Geschäftsmodelle

Eine weitere informative Session widmete sich der Frage nach OER-Geschäftsmodellen. In ca. 45 Minuten gelang es hier einerseits einen recht umfassenden Katalog verschiedener Geschäftsmodelle aufzustellen, andererseits konnten einzelne Fragen, etwa zu den aktuellen Entwicklungen in Polen, etwas genauer besprochen werden.

Hier muss unterschieden werden zwischen Anschubfinanzierungen und nachhaltige Finanzierung. Momentan sind die meisten OER-Projekte noch gefördert. Die aktuelle Aufgabe ist es nun, nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln, die es erlauben OER-dauerhaft zu entwickeln.

  1. staatliche Finanzierung mit unmittelbar staatlicher Ausführung (Polnisches Modell)
  2. Staatliche Finanzierung mit  privater oder entkoppelter Ausführung, etwa im Zuge der Public Private Partnership
  3. Werbefinanzierung
  4. Verlagsmäßige Herstellung mit Refinanzierung durch Mehrwertdienste, z.B. Print-On-Demand Anbindung oder Individualisierung der Inhalte (Bspl.: Flatworldknowledge)
  5. Crowdfunding : hier sind zwar wohl bereits (in Österreich?) schlechte Erfahrungen gemacht werden, was allerdings meiner Meinung nach nicht bedeutet, dass dieses Modell nicht später einmal doch funktionieren könnte.
  6. Kulturflatrate:Modell der Grünen
  7. Mittel zum Aufbau von neuen Produkten oder Infrastrukturen durch Venture-Capital, Beispiel Coursera
  8. Spenden
  9. Micropayments

Ein wichtiger Punkt scheint mir zu sein, dass sich die Finanzierungssituationen von Lehrbüchern in Schulen und Hochschulen mindestens in einem Punkt unterscheidet: Während bei Schulbüchern die Mittel überwiegend vom Staat und ergänzend von den Schülern (bzw. deren Eltern) getragen werden, so werden im Hochschulbereich die Lehrbücher überwiegend von Studenten und nur ergänzend vom Staat (in Form von Hochschulbibliotheken) gekauft. Leider scheint mir die empirische Basis für diese These noch sehr dünn zu sein. Immerhin gibt es hinsichtlich der Schulbuchausgaben Statistiken vom Verband deutscher Schulbuchverlage. Entsprechende Zahlen, für das Hochschulwesen, aus denen hervorgeht, wie viel Umsatz die Verlage mit Lehrbüchern machen und wie sich diese Umsätze auf Bibliotheken und Studenten verteilen, sind mir hingegen nicht bekannt. Wenn die Aussage aber stimmt, dann kann man daraus die Vermutung ableiten, dass der Staat schneller im Schulbuchbereich Geld für OER-Lehrbücher ausgeben wird, weil das eigene Einsparungspotential dort größer ist. Hingegen würden Investitionen in Hochschulbereich mehr zu Entlastungen von Studenten führen, weshalb sich hier (auch) studentenbezogene Crowedsourcing-Modelle anbieten würden, ohne dass damit gesagt werden soll, dass staatliche Investitionen in diesem Bereich nicht genauso sinnvoll wären, wie im Schulbereich.

Verlagssession

Ein weiteres schillerndes Highlight des OER-Camps war die „Verlagssession“, die gemeinsam von Mitarbeitern des Cornelsen- und des Klett-Verlags gehalten wurde und in der einmal genauer die Arbeit von Schulbuchverlagen thematisiert wurde. Auch dazu noch ein paar lose assoziierte Gedanken:

Was leisten Schulbuchverlage?

Wie andere Verlage auch machen Schulbuchverlage interessante Themen aus, finden und aquirieren die passenden Autoren, begleiten die Autoren beim Erstellen des Textes, sichern die formale Qualität des Beitrags, drucken ihn, machen Marketing und vertreiben den Beitrag. Eine Besonderheit im Schulbuchgeschäft scheint zu sein, dass die Themen der Werke durch Lehrpläne vorgegeben sind. Aufbauend auf diesen Lehrplänen betreiben die Verlage eine Art von „Lehrmittelsystem-Design“ durch das sichergestellt werden soll, dass Lehrer mit dem Lehrbuch alle relevanten Themen des Lehrplans abgedeckt bekommen, wobei die Lehrbücher häufig durch weitere Produkte wie Arbeitsblätter, Multimediadateien usw. ergänzt werden. Um eine Analogie aus der Softwareentwicklung zu bemühen, könnte man den Lehrplan mit dem „Lastenheft“ vergleichen, auf dessen Grundlage dann der Verlag ein „Pflichtenheft“ erstellt, nämlich das Lehrbuch, das eine Konkretisierung des Lastenhefts, also des Lehrplans darstellt. Der Gedanke muss sicherlich weiter ausgearbeitet werden, wobei sich mir die Frage aufdrängt, ob das so beschriebene „Lehrmittelsystemdesign“ als Teil des Curriculums-Designs nicht eigentlich zumindest in Teilen Aufgabe des Schulsystems sein sollte.

OER-Geschäftsmodelle für Verlage

Dennoch glaube ich, dass die Arbeit der Verlage bisweilen von OER und Open Access-Befürwortern unterschätzt werden. Jeder, der schon einmal ein Buch oder eine Zeitschrift redaktionell bearbeitet hat weiß, wie viele Arbeitsschritte erforderlich sind, bis man dann endlich das fertige Produkt in Händen hält. Zu denken, diese Arbeit würde sich quasi nebenbei oder von alleine erledigen, erscheint mir eher naiv. Inhaltlich durchläuft die Herstellung von OER-Lehrbüchern die gleichen Arbeitsschritte, wie ein konventionelles Lehrbuch. Und weil die Verlage auf genau diese Arbeit spezialisiert sind, scheint es mir eigentlich naheliegend, dass Verlage diese Aufgabe auch in Zukunft wahrnehmen werden. Aus Verlagssicht ist dies allerdings mit einer Kröte verbunden, die es zu schlucken gilt. So müssen Verlage zwangsläufig Ihr Geschäftsmodell ändern, weil es bei OER-Werken per Definition ausscheidet, dass die Verlage Eigentum (in Form von ausschließlichen Nutzungsrechten) an den hergestellten Werken erhalten. Bei OER-Lehr- oder Schulbüchern geht dies in dieser Form nicht, weshalb OER-Geschäftsmodelle für Verlage sich primär an der erbrachten Dienstleistung orientieren werden, die dem Auftraggeber gegenüber abgerechnet werden kann. Denkbar sind auch weitere kostenpflichtige Mehrwertdienste, so lässt sich der flatwordknowledge Verlag z.B. dafür bezahlen, dass er vorhandenen Texte individualisiert und an die Bedürfnisse des jeweilige Kundens anpasst. Darüber hinaus bilden Einnahmen aus Print-On-Demand-Angeboten wohl eine weitere wichtige Einnahmequelle. Insofern bietet OER also nicht nur Risiken für die Verlage, sondern auch Chancen für neue (kleinere) Verlage, die die neuen Geschäftsmodelle frühzeitig erkennen und sich entsprechend im Markt positionieren.

Wie sollte die OER-Community mit den Verlagen umgehen?

Abschließend noch ein paar Gedanken zum Umgang der OER-Community mit den Verlegern: Meines Wissens nach werden OER-Vertreter nicht zu Strategiebesprechungen des VBM eingeladen. Ich finde es aber trotzdem grundsätzlich gut, dass die OER-Community auch in dieser Hinsicht Maßstäbe in Hinblick auf Offenheit und Transparenz setzt, z.B. indem sie den konstruktiven Dialog mit Verlagsvertretern zulässt, wie jüngst auf dem OER-Barcamp geschehen. Eine andere Meinung scheint dagegen Neil Butcher zu vertreten, der, wenn ich Ihn richtig verstanden habe, meint, dass man die Verlage besser ignorieren solle, da sie die Geschäftsmodelle des 21 Jhd. nicht verstanden haben und primär ihre eigenn Interessen vertreten, weshalb Diskussionen mit ihnen kontraproduktiv sind. Ich sehe das nicht so drastisch wie Neil, denn wie oben gezeigt, kann und muss die OER-Bewegung auch in Zukunft von den Verlagen lernen oder mit Ihnen zusammenarbeiten. Dennoch: Solange die Verleger nicht die Grundforderung der OER-Community akzeptieren, dass nämlich Lehrinhalte offen lizensiert zugänglich sein sollten, erscheint mir der Nutzen eines Dialogs eingeschränkt. Dann besteht die Gefahr, dass sich der Fokus der Diskussion verschieb, weg von den Zielen der OER-Community und hin zu den vermeindlichen Gründen, aus denen die Verleger meinen, dass OER nicht realisierbar sei. Eine solche Diskussion läuft dann aber Gefahr aus Sicht der OER-Community ineffektiv zu werden. Dies gilt es in Zunkunft zu vermeiden! Wie sagt ein chinesisches Sprichwort so schön: „The man who says something cannot be done should not interrupt the one doing it!“

Open Educational Resources, oder kurz OER ist ein Thema, dass uns in Zukunft auch in Deutschland immer mehr beschäftigen wird. Dafür sprechen viele Gründe: Weil OER bei unseren Nachbarn schon boomt, weil das deutsche Urheberrecht immer komplizierter wird, oder einfach, weil die Zeit reif dafür ist!

OER ist ein Thema mit vielen Facetten. Auf OERSYS will ich OER aus systemischer Perspektive beobachten. Was das genau  bedeutet, werde ich in kommenden Posts versuchen zu klären. Aber so viel sei schon einmal verraten.: Es geht darum eine ganzheitliche Perspektive zu finden, die möglichst viele der unterschiedlichen Facetten integriert und es wird wenig mit Luhmann zu tun haben!

Wer mag, ist herzlich eingeladen mitzukommen, so come in, it`s open!