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Seit März letzten Jahres arbeitet eine Arbeitsgemeinschaft der Gemischten Kommission im Auftrag von KMK und BMBF an einer Bund-Länder-Stellungnahme zu Open Educational Resources. Im April dieses Jahres gab es nun eine schriftliche Anhörung, ähnlich derer, die bereits Ende 2012 vom BMBF durchgeführt wurde (siehe dazu meine Antworten hier). Nachdem bereits einige Teilnehmer wie Leonhard Dobusch, dem Wikimedia e.V. und Sandra Schön ihre Antworten bereits veröffentlicht haben, hier nun auch meine Antworten:

1. Ausgangslage

a) Welche Definition von OER legen Sie zugrunde?

Aufgrund meiner Nähe zur deutschen UNESCO Kommission (DUK) verwende ich normalerweise die Definition der UNESCO OER-Deklaration:

“[OER are] teaching, learning and research materials in any medium, digital or otherwise, that reside in the public domain or have been released under an open license that permits no-cost access, use, adaptation and redistribution by others with no or limited restrictions”

Alternativ bietet sich die Definition der Hewlett Foundation an:

„OER are teaching, learning, and research resources that reside in the public domain or have been released under an intellectual property license that permits their free use and repurposing by others.”

b) Inwieweit sammelt, erstellt oder distribuiert Ihre Institution OER?

Das hbz hat Ende 2013/Anfang 2014 für die Hewlett Foundation einen Prototypen einer OER World Map entwickelt und wird sich voraussichtlich Mitte des Jahres an der Folgeausschreibung zur Entwicklung des Produktivsystems beteiligen. Darüber hinaus verfolgt das hbz ein Projekt zum Aufbau einer Suchmaschine für deutschsprachige OER („OER-Suche“), das sich aktuell in der Planungsphase befindet.

c) Welche Maßnahmen zur Qualitätssicherung führen Sie dabei durch?

Angedacht ist es, im Rahmen der OER-Suche ein Bewertungssystem zu integrieren, mittels dessen Nutzer einzelne Ressourcen bewerten können. Im Rahmen der OER World Map bestehen Überlegungen, die dort gelisteten Institutionen hinsichtlich der Qualität der eingesetzten Prozesse zu bewerten.

2. Recht

a) Welche rechtlichen Kriterien bzw. Vorgaben sind bei der Erstellung und der Lizensierung von OER Ihrer Meinung nach von Bedeutung?

Durch die Verwendung einer offenen Lizenz wird aus einer „konventionellen“ Bildungsressource eine OER. Die Lizensierung hat also für das OER-Konzept eine konstituierende Bedeutung. Bei der Lizensierung ist es wichtig, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Lizenzen in Hinblick auf den damit verbundene Grad an Offenheit zu verstehen. Grundsätzlich sollte eine möglichst offene Lizensierung angestrebt werden, soweit nicht sachliche Gründe für die Verwendung einer restriktiveren Lizenz sprechen. Neben der Offenheit der verwendeten Lizenz spielt die Kompatibilität der verwendeten Lizenzen eine große Rolle, da von ihr abhängt, welche Materialien miteinander kombiniert werden können.

Neben dem Urheber- und Lizenzrecht gibt es noch eine Reihe anderer Rechtsgebiete, die im Rahmen der OER-Diskussion von Bedeutung sein können. Zu nennen sind hier insbesondere das Arbeitsrecht („Wem gehören Materialien, die im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses entstanden sind? Wie können Mitarbeiter dazu motiviert werden OER herzustellen?“) und das Datenschutzrecht. Letzteres spielt insbesondere dann eine Rolle, wenn in Rahmen von E-Learning-Kursen (z.B. sogenannten MOOCs) Learning Analytics-Methoden eingesetzt werden. Insofern handelt es sich allerdings nicht um eine OER-spezifische Fragestellung.

b) Hindern bestehende rechtliche Vorgaben die Erstellung und Lizensierung von OER in Deutschland?

Die Verwendung von offenen Lizenzen, etwa von Creative Commons, für Bildungsmaterialien ist rechtlich ohne weiteres möglich und bisher von den wenigen existierenden Gerichtsentscheidungen nicht problematisiert worden. Problematisch wirkt sich allerdings das bestehend Urheberrecht auf die Nachnutzung bestehender Materialien im Rahmen der Erstellung von OER aus. Da das aktuelle Urheberrecht restriktiv und schwer zu verstehen ist, ist eine Nachnutzung bereits bestehender Werke nur eingeschränkt und mit sehr hohem Aufwand möglich.

c) Wo sind ggf. rechtliche Modifikationen erforderlich?

Grundsätzlich wäre eine Ausweitung der urheberrechtlichen Schranken, z.B. des bestehenden Zitatrechts für Bildung und Forschung wünschenswert. Aktuell ist es z.B. so, dass die Anforderungen an eine offene Lizensierung deutlich oberhalb derer einer Nutzung im Rahmen von § 52a UrhG liegen. In der Praxis führt dies häufig dazu, dass Lehrkräfte Lehrmaterialen, die sie selbst unter Rückgriff auf fremde Materialien erstellt haben, zwar im institutseigenen Learning Management System einstellen, von einer Veröffentlichung unter einer offenen Lizenz jedoch absehen. Eine entsprechende Urheberrechtsänderung ist jedoch nicht Voraussetzung für den Einstieg in die Förderung von OER.

d) Wäre eine Lizenzierung nach dem Creative-Commons-Standard für OER in Deutschland sinnvoll? Wenn ja, in welcher Modulkombination?

Creative Commons hat sich als weltweiter Standard für offene Inhalte und OER etabliert. Die Verwendung von CC-Lizenzen ist deshalb zu befürworten. Anzustreben ist dabei die Verwendung der Namensnennung (CC-BY) und der Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen (CC-BY-SA) Lizenzen, da diese eine sehr weitgehende Nachnutzung, etwa auch durch Verlage und andere kommerzielle Anbieter ermöglichen und in hohem Maße mit anderen Lizenztypen kombinierbar sind.

In Deutschland aktuell stark umstritten ist die Verwendung des NichtKommerziell-Moduls (NC-Modul), das von vielen OER-Befürwortern abgelehnt wird. Zurzeit kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass unter bestimmten Umständen die Verwendung des NC-Moduls trotz aller (grundsätzlich berechtigten) Kritik erforderlich sein kann. So wäre es z.B. vorstellbar, dass die Fernuniversität Hagen, im hypothetischen Fall, dass diese ihre Materialien offen lizensieren wollte, dazu das NC-Modul verwenden müsste um auszuschließen, dass Fernuniversitäten aus anderen Ländern mit ihren Inhalten ein für die Fernuniversität ruinöses Konkurrenzangebot aufbauen. Insgesamt sollte die Frage der Lizensierung also pragmatisch und mit Blick auf den konkreten Einzelfall gehandhabt werden.

Für eine solche pragmatische Herangehensweise spricht auch, dass es insbesondere in der Startphase von OER-Projekten notwendig sein kann, Inhalte mit restriktiveren Lizenzen (neben dem NC-Modul insbesondere dem KeineBearbeitung-Modul) in ein Angebot aufzunehmen, um die kritische Masse zu erreichen, durch die das Angebot für Nutzer attraktiv wird. Erfahrungen (etwa beim OpenLearnWare-Angebot der TU Darmstadt) zeigen, dass Autoren bei wiederholter Verwendung von CC-Lizenzen zunehmend bereit sind offenere Lizenzen zu verwenden.

Zusammengefasst kann man sagen, dass es im Lizensierungskontext schwierig sein kann, die angemessene Mitte zwischen Fokus auf maximale Offenheit und pragmatischer Herangehensweise zu finden. Sinnvoll scheint es mir, eine klare Empfehlung zugunsten von CC-BY oder CC-BY-SA zu geben, oder eine dieser Lizenzen als voreingestellten Standard bei der Wahl der Lizensierung zu verwenden. Auf Wunsch des Autors sollten jedoch Modifikationen möglich sein, um keine Autoren frühzeitig zu verschrecken.

3. Technik
a) Welche technischen Anforderungen sind Ihrer Meinung nach Grundvoraussetzung für die Bereitstellung, Verwaltung, Weiterverarbeitung/ -verwendung und Nutzung eines wachsenden OER-Bestandes?

Grundsätzlich muss bei der Diskussion differenziert werden, da unter dem Oberbegriff OER viele verschiedene Materialarten zusammengefasst werden, die unterschiedliche technische Voraussetzungen haben. So erfordert die Herstellung und Verbreitung von Arbeitsblättern eine andere technische Infrastruktur als die von Lehrbüchern oder MOOCS.

Hinsichtlich der technischen Infrastruktur sollte der gesamte OER-Lebenszyklus betrachtet werden. Erforderlich sind danach sowohl für den Schul- als auch für den Hochschulbereich:

  1. Autorentools, d.h. Software mit denen OER hergestellt, verändert und kombiniert werden können.
  2. Repositorien, in denen OER abgelegt und gemanaged werden können.
  3. Suchmaschinen mittels derer OER-Bestände sichtbar gemacht und gefunden werden können.

Eine wichtige Rolle spielt weiterhin die Nutzung von offenen Formaten und von standardisierten Metadaten. Durch die Verwendung von offenen Formaten wird sichergestellt, dass die Inhalte unabhängig von der verwendeten technischen Plattform genutzt werden können. Die Vergabe von einheitlichen Metadaten ermöglicht das einfache Auffinden von OER. In der Praxis stellt die Metadatenvergabe aus verschiedenen Gründen eine große Herausforderung dar.

Das Zentrum der technischen Infrastruktur bilden die OER-Repositorien. Kurzfristig sollte mit der Einrichtung eines zentralen Repositoriums begonnen werden (siehe dazu unten). Mittelfristig könnte es sinnvoll sein, eine Infrastruktur aus „doppelt vernetzten“ Repositorien zu entwickeln. Zum einen gilt es dabei die vorhandenen Repositorien institutsübergreifend so miteinander zu vernetzen, dass die vorgehaltenen OER untereinander ausgetauscht werden können. Zum anderen müssen die OER-Repositorien mit anderen Systemen innerhalb der Bildungseinrichtungen verbunden werden, im Hochschulbereich z.B. mit Learning Management Systemen, Hochschulinformationssystemen, Discovery-Systemen oder auch Langzeitarchivierungssystemen. Bei der institutsinternen Vernetzung geht es dabei einerseits darum, die Ressourcen zum Lernenden zu bringen (LMS, Youtube u.ä.), andererseits darum, Metadaten, die in anderen Systemen (z.B. dem Hochschulinformationssystem) bereits vorhanden sind (Paradaten), für die OER-Bibliothek nutzbar zu machen (vgl. dazu Kortemeyer). Im Schulbereich sieht die Systemarchitektur etwas einfacher aus. Hier übernimmt häufig ein vorhandenes Learning Management System die Rolle des institutionellen Repositoriums, das sinnvoller Weise mit einem übergeordneten Repositorium, z.B. des Schulträgers verbunden werden sollte. Insofern gehen z.B. die Arbeiten des Edu-Sharing e.V. bereits in die richtige Richtung.

b) Welche dieser Voraussetzungen sehen Sie als bereits erfüllt an und in welchen Bereichen sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

In allen angesprochenen Bereichen besteht Handlungsbedarf. Die heute eingesetzten bzw. vorhandenen Lösungen ermöglichen es zwar grundsätzlich, OER herzustellen und zu veröffentlichen, weisen jedoch Defizite hinsichtlich ihrer Professionalität und einfachen Handhabbarkeit auf:

Gute OER-Autorentools würden es Lehrkräften ermöglichen, alleine oder kollektiv, auf einfache und intuitive Weise Inhalte zu erstellen, die didaktisch auf ihren spezifischen Lehrbereich zugeschnitten sind. Dabei ist zu beachten, dass z.B. die Herstellung von Arbeitsmaterialien für die Grundschule ganz andere Anforderungen mit sich bringt, als die Herstellung von Kursmaterialien für Hochschulen. Hochqualitative OER-Autorentools könnten aber nicht nur die Herstellung von OER erleichtern, sondern auch wesentlich zur Qualität der Ressourcen beitragen, indem sie die Vergabe von Metadaten und offenen Lizenzen sowie offene Dateiformate unterstützen. Erfolgen diese Schritte direkt am Anfang der Produktionskette, sind spätere Anreicherungen nicht bzw. nur noch bedingt erforderlich, wodurch Kosten eingespart werden können. Die Bedeutung solcher einfach zu nutzenden Autorentools wird häufig nicht ausreichend berücksichtigt, auch wenn es, insbesondere im Hochschulbereich, hier inzwischen einige Angebote gibt (Wikiwijs, Xerte, Slidewiki).

Die Verwendung von professionellen OER-Repositorien stellt sowohl im Schul-, als auch im Hochschulbereich die Ausnahme dar. Die in Schulen zunehmend vorhandenen Learning Management Systeme werden häufig noch nicht zum systematischen Aufbau digitaler Schulbibliotheken benutzt und sind darüber hinaus nicht auf die langfristige Speicherung und Verwaltung von In-halten ausgerichtet. Die in Hochschulen, z.B. von den Bibliotheken betriebenen Repositorien sind häufig „PDF-lastig“ und nicht in der Lage, die Vielzahl der verschiedenen Medientypen zu verwalten. Hinzu können weitere mögliche Probleme wie die fehlende Unterstützung erforderlicher Metadatenstandards oder standardisierter Schnittstellen kommen.

Weiterhin gibt es in Deutschland kein institutions- und fachübergreifendes Repositorium in das freiwillige OER-Produzenten ihre Inhalte einstellen können. Wenn also nicht (ausnahmsweise) ein institutionelles Repositorium oder ein fachspezifisches institutsübergreifendes Repositorium (wie z.B. rpi-Virtuell) existiert, besteht für einen privaten OER-Hersteller häufig keine Möglichkeit, sein Material sicher und professionell zu veröffentlichen. Der Aufbau eines zentralen OER-Repositoriums, wie z.B. Wikiwijs in den Niederlanden, Klascement in Belgien und Jorum in Großbritannien gehört deshalb zu den Mindestanforderungen an ein zukünftiges deutsches OER-Programm. Bei der Einrichtung eines solchen zentralen Repositoriums ist darauf zu achten, dass eine Anbindung an die darunter liegenden institutionellen Repositorien von Anfang an konzeptionell vorgesehen wird. Neben den damit verbundenen technischen Herausforderungen scheint in Deutschland ein länderübergreifender Austausch auch aus organisatorischen und politischen Gründen nicht leicht zu realisieren zu sein.

Schließlich gibt es in Deutschland keine speziellen OER-Suchmaschinen. Das Finden von OER ist deshalb immer noch umständlich und zeitaufwändig. Häufig werden benötigte (und eventuell sogar vorhandene) OER nicht gefunden, was eine ganz grundliegende Barriere für die weitere Verbreitung von OER darstellt.

Als einfach umzusetzende Maßnahme könnte ein Best Practise Leitfaden erstellt werden, der aufzeigt, wie und unter Verwendung welcher Tools, Verfahren und Dienste OER am besten hergestellt und veröffentlicht werden können. Die einem solchen Leitfaden zugrundeliegende Analyse könnte gleichzeitig zur Feststellung des Förderungsbedarfs in den genannten Bereiche dienen.

4. Ökonomie
a) Wer könnte den mit OER jeweils verbundenen Aufwand – aufgeschlüsselt nach Erstellung, Sammlung, Aufbereitung und Vertrieb – Ihrer Meinung nach finanzieren?

Auch bei der Finanzierung von OER kann keine allgemeingültige Aussage ge-troffen werden, vielmehr ist hier nach den verschiedenen Bildungssektoren, Materialtypen und Akteursgruppen zu differenzieren. Einen guten Überblick dazu gibt der OER-Perpektivenwürfel:

oer-cube-21

Im Schulbereich werden die Kosten für Lehrmaterialien in der Regel gemeinschaftlich von den Ländern und den Eltern getragen, was auch bei einer Umstellung auf OER beibehalten werden sollte. Entscheidend ist hier, insbesondere im Bereich der Lehrbücher, der Entschluss, einen Teil der vorhandenen Mittel in die Herstellung von OER fließen zu lassen. Dabei könnte zunächst mit einem geringen Prozentsatz begonnen werden. Bei positivem Projektverlauf könnte der Anteil dann schrittweise gesteigert werden. Hinsichtlich der Arbeitsblätter sollte der Aufbau einer Minimalinfrastruktur (zentrales OER-Repositorium und Suchmaschine) gemeinschaftlich von den Ländern finanziert werden, so dass die ohnehin geleistete Arbeit von Lehrkräften nachgenutzt werden kann. Eine weitere Einnahmequelle stellen Stiftungsgelder dar.

Im Hochschulbereich werden bereits jetzt von vielen Hochschulen, insbesondere von deren E-Learning Abteilungen OER hergestellt. Hier wäre es erforderlich, die produzierten Inhalte professionell zu verwalten und auffindbar zu machen, was von den Hochschulbibliotheken geleistet werden könnte. Als Infrastrukturbetreiber kämen hier auch die Bibliotheksverbünde in Frage, deren Aufgaben und Zuständigkeiten gerade einer grundliegenden Reorganisation unterliegen. Der Aufbau der notwendigen Infrastruktur könnte hier mit Hilfe von Fördergeldern der Länder, des Bundes und der EU (Horizon 2020, Erasmus+) geleistet werden.

b) Wie hoch schätzen Sie das Finanzierungsvolumen?

Das Finanzierungsvolumen ist nur schwer abzuschätzen und hängt entscheidend von den angestrebten Maßnahmen sowie der gewünschten Intensivität/Marktdurchdringung ab.

Einen Ansatzpunkt zur Berechnung des Finanzierungsvolumens könnten die aktuellen geleisteten Ausgaben für Bildungsmaterialien darstellen. Allerdings gibt es dazu nur mangelhaftes Zahlenmaterial. So stellt zwar der Verband Bildungsmedien e.V. branchenbezogene Umsatzzahlen zur Verfügung, allerdings nur ausschnittartig, inkonsistent und teilweise widersprüchlich. Im Hochschulbereich ist es ebenfalls schwierig an entsprechendes Zahlenmaterial zu gelangen. Die Erfassung und Aufbereitung der bisher von staatlicher Seite für Lehrmaterial geleisteten Ausgaben stellt damit eine wichtige Grundvoraussetzung für die Entwicklung sinnvoller Geschäftsmodelle dar.

Ein anderer Ansatzpunkt für die Abschätzung des Finanzierungsvolumens kann durch Übertragung der im Ausland gemachten Erfahrungen auf die Situation in Deutschland erfolgen: Nach Einschätzung von Robert Schuwer, dem ehemaligen Projektmanager von Wikiwijs hat die Finanzierung des Programms nicht ausgereicht, um eine (disruptive) Änderung des Marktes für Lehrmaterialien zu bewirken. Das Wikiwijs-Programm wurde von 2009 bis 2013 mit insgesamt 8 Millionen Euro gefördert. Die durchschnittlichen Programmkosten pro Jahr lagen damit bei ca. 1,6 Mio Euro. Geht man davon aus, dass die Kosten linear zur Bevölkerung ansteigen (was aufgrund von zu erwartenden Skalierungseffekten nicht zwingend der Fall sein muss), so lägen bei einer um den Faktor 5 größeren Bevölkerung in Deutschland die jährlichen Kosten oberhalb von 8 Mio Euro pro Jahr. Ein 5 jähriges deutsches OER-Programm sollte entsprechend mit mindestens 40 Millionen Euro kalkuliert werden. Die so ermittelten Zahlen sind nicht belastbar, können aber zur ersten Orientierung dienen. Seriöse Schätzungen, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen können, sollten auf Grundlage von professionellen Machbarkeitsstudien erstellt werden.

c) Welche neuen Geschäftsmodelle sind in Bezug auf OER aus Ihrer Sicht denkbar?

Wie bereits ausgeführt, sollte die bestehende, überwiegend öffentliche Finanzierung beibehalten bleiben. Theoretisch könnte auch die Produktion von OER wie bisher durch privatwirtschaftliche Verlage erfolgen. Dies könnte ausschreibungsbasiert erfolgen und würde eine Bereitschaft der Verlage zur Änderung ihrer Geschäftsmodelle voraussetzen. Entscheidend für die Verlage ist dabei, dass bei der Herstellung von OER keine Refinanzierung über mehrere Jahre erfolgen kann, wie dies bei konventionellen Lehrmitteln möglich ist. Vielmehr müssen die Herstellungskosten im Rahmen von Dienstleistungs- oder Werkverträgen einmalig abgerechnet werden. Auch seitens der staatlichen Vertragspartner müssten damit korrespondierend die gewohnten Beschaffungsmechanismen angepasst werden.

Sollten sich die Verlage nicht zu entsprechenden Änderungen ihrer Geschäftsmodelle durchringen können, so muss überlegt werden, wer stattdessen die Herstellung der OER übernehmen könnte. In den USA scheint dabei ein Modell Verbreitung zu finden, bei dem Hochschulen von Stiftungen gefördert die Produktion offenener Textbücher übernehmen.

Daneben bestehen Möglichkeiten, OER-Inhalte im Wege des Crowdfundings zu finanzieren, wie dies bereits im Rahmen des Schulbuch-O-MAT Projekts erfolgreich geschehen ist. Schüler, Studenten und Eltern wenden bereits jetzt erhebliche Summen für die Anschaffung von Lehrmaterialien auf. Gelänge es, Teile dieser Summen für die Herstellung von OER zu verwenden, könnte dies eine sachgerechte und nachhaltige Lösung zur Finanzierung von OER darstellen.

d) Sind diese neuen Geschäftsmodelle zivilgesellschaftlich wünschenswert? Alternativ: Wie sollte mit Bezug zu OER das Verhältnis „Öffentliche Hand -Privatwirtschaft – Zivilgesellschaft“ austariert werden?

Eine verstärkte Herstellung von OER-Lehrmaterialien ist zivilgesellschaftliche wünschenswert, da dadurch sichergestellt wird, dass öffentlich finanzierte Lehrmaterialien auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Verhältnis von Öffentlicher Hand, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft stellt einen guten Ausgangspunkt dar um die Auswirkungen von OER zu analysieren:

Die Zivilgesellschaft erhält verbesserten Zugriff auf Bildungsressourcen. Insbesondere ist dieser Zugriff nicht mehr davon abhängig, das man Teil einer Bildungsinstitution ist, sondern besteht bedingungslos und lebenslang. Gleichzeitig wird die Zivilgesellschaft Teil des OER-Herstellungssystems, indem sich Einzelne und Communities an der Entwicklung und Verbesserung von OER einbringen können.

Die öffentliche Hand bleibt der primäre Träger des Bildungssystems. Als solcher definiert Sie Anforderungen an die Beschaffenheit der dort benötigten Lehrmaterialien. Sind die Verlage nicht bereit, diesen Wünschen nachzukommen, sucht sie alternative Anbieter oder übernimmt diese Leistung selbst.

Die Privatwirtschaft muss in etablierte Verlage und sonstige Privatwirtschaft unterteilt werden. Die etablierten Verlage werden durch die Entwicklung hin zu OER vor große Herausforderungen gestellt. Entscheiden sie sich dafür, diese Herausforderungen nicht anzunehmen, so kann dies dazu führen, dass Ihre Aufgaben in Zukunft von anderen Akteuren übernommen werden. Denkbar ist es z.B. dass sich neue Verlage bilden, die bereit sind OER-spezifische Verlagsdienstleistungen anzubieten. Die übrigen Teile der Privatwirtschaft profitieren, wie die Zivilgesellschaft auch, von einer Umstellung auf OER, weil sie dadurch kostenlosen Zugang zu hochqualitativen Inhalten erhalten, die sie zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter einsetzen können.

5. Potential

a) Wie schätzen Sie die Nachfrage für OER in Deutschland ein?

Die Nachfrage nach OER hängt unmittelbar mit der Bekanntheit des Konzeptes zusammen. Insbesondere in den vergangenen zwei Jahren ist die Bekanntheit von OER rasant gestiegen, was u.a. an einer steigenden Zahl von Publikationen und Veranstaltungen zum Thema festgemacht werden kann. Ein weiterer sprunghafter Anstieg von Bekanntheit und Nachfrage wird sich einstellen, sobald eine kritische Masse an OER vorhanden ist, die schnell gefunden und einfach genutzt werden kann.

b) Worin sehen Sie die Chancen von OER, vor allem für die Bereiche Schule, Universität und „Lebenslanges Lernen“?

Das große bisher weder endgültig bewiesene noch widerlegte Versprechen von OER ist es, Zugang zu und Qualität der Materialien zu steigern, gleichzeitig aber die Publikationskosten zu senken, was sich mit Hilfe des „Iron Triangles“ gut veranschaulichen lässt:

iron-triangle

Insbesondere der Bereich der lebenslangen Bildung könnte von einer Umstellung auf OER massiv profitieren, stünden doch die in den anderen Bildungsbereichen erstellten Inhalte in Zukunft jedem lernwilligen Bürger zur freien Verfügung und das lebenslang.

Hinzu geht mit OER ein großes Innovationspotential einher.  So unterstützt OER die Einführung neuer Methoden wie dem “Flipped Classroom”und die Bereitstellung von individualisierten Lernpfaden und Materialien, die das Leistungsniveau einzelner Schüler und Studenten berücksichtigen. Weiterhin ermöglicht OER, dass sich Studenten aktiv in die Herstellung von Inhalten einbringen, wodurch sich das Selbstverständnis der Bildungsinstitutionen wandelt weg von einem Ort, an dem Wissen vermittelt wird und hin zu einem Ort, an dem Wissen kollektiv konstruiert wird. OER kann insofern als Fortführung des mit Open Access begonnen Paradigma Wechsels hin zu Open Education und Open Science gedeutet werden.

c) Wo sehen Sie Risiken von OER, aufgegliedert nach den Bereichen Schule, Universität und „Lebenslanges Lernen“?

Im Zusammenhang mit der Einführung von OER bestehen eine Reihe von Risiken, die es zu beachten gilt:

  • Die Einführung von OER kann als Mittel zur Einsparung von Kosten missbraucht werden. Kosteneinsparungen seitens der öffentlichen Hand können zwar mittel- oder langfristig aus der Einführung resultieren, sollten aber nicht primäres Ziel einer Einführung von OER sein.
  • Bei der Einführung von OER kann ein zu großer Fokus auf technische Aspekte gelegt und die kulturelle Seite vernachlässigt werden. Zur vollen Entfaltung des Potentials von OER ist ein institutioneller Wertewandel hin zu Offenheit, Teilen und Kooperation unabdinglich, der als Teil von OER-Programmen systematisch gefördert und entwickelt werden muss.
  • Die Einführung von OER kann durch mangelnde Koordination zwischen den verschiedenen OER-Playern erschwert werden.
  • Politischer Widerstand der etablierten Verlagen, die ihre Geschäftsmodelle durch OER bedroht sehen, könnte die Einführung von OER verzögern.
  • Ebenfalls könnte mangelnde Akzeptanz beim Lehrpersonal, etwa weil die Herstellung von OER mit (zurzeit noch unbezahlten) Mehraufwänden einhergeht, oder zu mehr Transparenz der eigenen Leistung führt, eine Einführung von OER verzögern.
  • Ein zu großer Fokus auf die Lehrkräfte bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Lernenden als zentrale Stakeholdergruppe könnte ein Systemdesign begünstigen, das die volle Ausschöpfung des mit OER verbundenen Potentials nicht unterstützt.

d) Welche Institutionen bzw. Personengruppen sollten Ihrer Meinung nach bei der Erstellung von OER in Zukunft unterstützt werden? Wie sehen Sie hierbei vor allem die Rolle von Verlagen und von lehrer- sowie schülergenerierten Inhalten?

Allgemein ist bei der deutschen OER Diskussion eine starke Fokussierung auf die Lehrkräfte zu beobachten. Wichtig wäre es hier eine stärkere Einbeziehung von Schülern und Studenten sicherzustellen. Sobald diese verstärkt Funktionen in der Her- und Zusammenstellung (ggf. auch Finanzierung, s.o.) von OER übernehmen, wird dadurch das Lehrpersonal entlastet, wodurch die Akzeptanz von OER bei diesen steigt (siehe dazu auch die Ausführungen von Neil Butcher auf der OERde13).

Innerhalb von Hochschulen, sollte Kooperation zwischen E-Learning Abteilungen und Hochschulbibliotheken gefördert werden. Verlage können zu wichtigen Playern im OER Bereich werden, was jedoch voraussetzt, dass diese die damit verbundenen Herausforderungen annehmen.

e) Welche Veränderungen werden bzw. sollten OER in der Zukunft bewirken?

Das volle Potential von OER wird erst aus globaler, evolutionärer Perspektive sichtbar. So stellt „ein universeller Zugang zu hochqualitativer Bildung“ nach Einschätzung der UNESCO „den Schlüssel zu Schaffung von Frieden, nachhaltiger sozialer und ökonomischer Entwicklung und interkulturellem Dialog dar. Investitionen in OER stellen immer auch Maßnahmen der Entwicklungshilfe dar, indem sie zu einer homogeneren Verteilung von Wissen, der wichtigsten Ressource überhaupt, beitragen. Im Rahmen der aktuellen anstehenden globalen Herausforderungen, etwa im Zuge der Umstellung auf nachhaltigere Wirtschaftsprozesse, könnte sich OER so als mächtiger Hebel für einen tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen Wandel erweisen.

6. Umsetzung

a) Über welche Wege sollen OER an die Nutzer gebracht werden?

OER können und sollten über verschieden Wege verbreitet werden:

  • Institutionelle Repositorien: Einen wesentlichen Distributionskanal werden institutionelle Repositorien, bzw. in Schulen eventuell vorhandene Learning Management Systeme darstellen. Der Vorteil ist hier, dass der Austausch zunächst innerhalb der eigenen Institution erfolgt und man daher den Autoren eher traut und die Qualität besser einschätzen kann.
  • Zentrales OER-Repositorium: Hier könnten alle freiwilligen selbst produzierte OER einstellen. Zusätzlich könnten hier OER aus den verschiedenen institutionellen Repositorien importiert werden.
  • Daneben sollten Repositoriums-übergreifende Suchmaschinen entwickelt werden, die Inhalte aus verschiedenen Repositorien/Quellen einsammeln und in einem Suchindex zusammenführen. Vorteil ist hier, dass mit nur einer Suchabfrage alle enthaltenen Quellen abgefragt werden können. Dem steht entgegen, dass Suchindizes aufgrund der vielen enthaltenen Quellen häufig sehr groß sind und einzelne Ressourcen, insbesondere, wenn Sie nur schlecht mit Metadaten ausgezeichnet sind, schnell „verschüttgehen“ können.
  • Praktisch wird vermutlich auch in Zukunft der größte Teil der Suchanfragen über die großen Suchmaschinen, insbesondere über Google vorgenommen werden. Vor diesem Hintergrund macht der Einsatz von LRMI als Metadatenstandard besonders viel Sinn, da LRMI Teil von Schema.org ist und entsprechend ausgezeichnete OER deshalb auch von Google, Bing und Yahoo als solche erkannt werden können.
  • Schließlich werden Ressourcen mittels sozialer Netzwerke oder persönlich zwischen befreundeten Lehrern ausgetauscht werden.

b) Welche Anforderungen müssten an einen (de)zentralen Zugang zu OER für ganz unterschiedliche Adressaten gestellt werden?

Ein zentraler Zugang zu allen in Deutschland hergestellten OER könnte insbesondere in der aktuellen Situation sinnvoll sein, in der noch vergleichsweise wenige Ressourcen vorhanden sind und sich die Anforderungen unterschiedlicher Stakeholdergruppen (Schüler & Lehrer, Studenten & Hochschullehrer, lebenslang Lernende) noch nicht klar herausgebildet haben.

Langfristig ist allerdings damit zu rechnen, dass ein differenziertes Angebot für verschiedene Bildungssektoren sinnvoll sein wird. Denkbar ist es auch, dass einzelne Bundesländer und/oder Hochschulen eigene OER Suchdienste bereitstellen, bei denen sie entscheiden, welche Inhalte aufgenommen werden sollen.

Eine der Lessons Learned des niederländischen Wikiwijs Programms ist, dass Lehrkräfte aus dem primären Bildungssektor ein anderes Oberflächendesign bevorzugen als z.B. Hochschullehrer (Schuwer et al. 2014). Ob darüber hinaus auch hinsichtlich der Funktionalität unterschiedliche Anforderungen bestehen, wird vom Bericht offen gelassen. Empfehlenswert wäre es insofern, vor der (Weiter-)Entwicklung entsprechender Suchservices die Nutzeranforderungen genauer zu untersuchen und zu spezifizieren.

c) Über welche Verfahren und Werkzeuge könnte die Qualität der Materialien sichergestellt werden?

Grundsätzlich können Maßnahmen zur Sicherung der Qualität von OER entweder an den fertigen OER (=Medieneinheiten), oder aber an der Institution, von der die Ressource hergestellt worden ist, ansetzen. Letzterer Ansatz hat den Vorteil, dass lediglich die Institutionen, bzw. deren Herstellungsprozesse zertifiziert werden müssen, was kostengünstiger sein dürfte, als die Bewertung einzelner OER. Will man OER auf der Ebene einzelner Medieneinheiten qualitätssichern, so bieten sich dabei wiederum zwei verschiedene Wege an. So stehen zum einen in einer großen Zahl der Fälle genau die gleichen traditionellen Mittel zur Qualitätssicherung zur Verfügung, die auch bei konventionell hergestellten Lehr- und Lernmittel eingesetzt werden. So kann z.B. ein OER Lehrbuch oder eine Sammlung von OER Arbeitsblättern auf genau die gleiche Art und Weise lektoriert werden, wie konventionell lizenzierte Materialien auch. Zusätzlich kommen neue crowdsourcing basierende Sicherungsmethoden hinzu, bei denen die Qualitätssicherung auf die Nutzercommunity übertragen wird. Beide Ansätze (konventionell und crowdsourcing) können miteinander kombiniert werden. So können Materialien zunächst traditionell lektoriert und dann von der Community bewertet und weiterentwickelt werden. Verbesserungsvorschläge der Community können dann eingesammelt und einer erneuten redaktionellen Bearbeitung zugrunde gelegt werden.

d) Nach welchem Verfahren sollte eine Redaktion erfolgen?

Ich gehe davon aus, dass sich die Frage auf den Aufbau einer Plattform für OER-Arbeitsblätter im Schulbereich bezieht. Hier würde ich denken, dass eine Kombination von Redaktion und Community den vielversprechendsten Ansatz für eine wirtschaftliche Qualitätssicherung der Inhalte darstellen wird. Die Aufgabenteilung hängt wesentlich von der Größe der eingesetzten Redaktion ab. Beim belgischen Klascement übernimmt das Redaktionsteam lediglich eine formale Schlüssigkeitsprüfung, während die differenzierte Bewertung einer Ressource durch die Community erfolgt. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass sich durch eine verstärkte Qualitätssicherung seitens des Plattformbetreibers nach deutschem Recht auch dessen Haftung erweitert.

e) Wie beurteilen Sie Maßnahmen zu Qualitätssicherung durch die sog. Schwarmintelligenz?

Der Begriff der „Schwarmintelligenz“ ist unscharf, ich gehe davon aus, dass Maßnahmen des Crowdsourcing gemeint sind, bei denen redaktionelle Aufgaben auf eine sich selbst organisierende Gruppe von Freiwilligen übertragen werden. Grundsätzlich scheint mir diese Vorgehensweise sehr sinnvoll und auch schon hinreichend erprobt zu sein. So werden u.a. in den großen Online-Shops seit langem Bewertungssysteme eingesetzt, mittels denen Kunden die gekauften Waren bewerten können. Auch die Wikipedia funktioniert durch Beiträge von Freiwilligen, die jedoch deutlich anspruchsvoller sein können, als die Abgabe einer bloßen Bewertung bei Amazon. Crowdsourcing ist jedoch schwierig zu planen, da es schwierig ist vorherzusagen, unter welchen Bedingungen sich eine engagierte Community bildet.  Je anspruchsvoller die abgeforderte Leistung, desto schwieriger wird es regelmäßig sein, die Community zu motivieren. Gut zu funktionieren scheint dies bei Klascement in Belgien, wo ein Punktesystem verwendet wird und Nutzer für das Herunterladen von OER Punkte einsetzen müssen, die sie z.B. durch die Bewertung von Ressourcen verdienen können.

f) Wäre die Einführung eines Qualitätssiegels für deutschsprachige OER ein praktikabler Ansatz? Wenn ja, wer sollte Ihrer Meinung nach dieses Qualitätssiegel vergeben und wer für die Finanzierung aufkommen?

Das Konzept eines OER-Qualitätssiegels könnte zur Akzeptanz von OER beitragen. Allerdings scheint mir eine flächendeckende Prüfung aller OER auf Ebene der einzelnen Medieneinheiten sehr aufwändig zu sein. Realistischer erschiene insofern die Bewertung der Prozessqualität innerhalb OER produzierender Institutionen. Soweit einzelne OER von einer zentralen Stelle geprüft werden sollen, könnte ich mir dies lediglich für ausgesuchte Sammlungen, jedoch nicht flächendeckend vorstellen. Eine flächendeckende Bewertung von Arbeitsmitteln scheint auch nicht erforderlich. Bereits müssen in NRW Arbeitsblätter nicht zugelassen werden, weil davon ausgegangen wird, dass Lehrer die Qualität der Lehrmittel selbst bewerten können. Sachliche Gründe, die es rechtfertigen würden, an OER strengere Anforderungen als an konventionellen Lehrmitteln zu stellen, scheinen mir nicht ersichtlich zu sein.

Weiterführende Information

Open Notthingham

Vom 26. bis zum 27. März 2013 fand in Notthingham die OER13 statt. Veranstaltungsort war der Jubilee Campus der Universität Notthingham. Die Universität, die sich laut der Londoner Times (via Wikipedia) in den letzten zwanzig Jahren zur Hauptalternative zu Oxbridge entwickelt hat, verfügt neben dem Campus in Notthingham über je einen Campus in China und in Malaysia und kann deshalb zu Recht als internationales Unternehmen bezeichnet werden. Notthingham ist auch im OER-Bereich führend. Unter Open Notthingham findet man das OER-Angebot der Universität, zu dem die eigene OER-Suchmaschine XPert, die open source Suite zur Erstellung von OER-Inhalten Xerte, das Open Courseware Repositorium U-Now, ein I-Tunes U Auftritt und ein eigener Channel auf YouTube Edu gehören. Auf letzterem gehört die Periodic Table of Videos Serie zu den absoluten Publikumsmagneten, in der Martyn Poliakoff, gestylt mit typischer Professorenfrisur, das Periodensystem mit einem Video pro Element erklärt. Die Periodic Videos haben bisher beachtliche 40 Millionen Clicks generiert und lagen damit zweitweise noch vor dem Channel des Chealsea Fußball Clubs, wie Professor Alan Ford in seiner Begrüssungsrede nicht ohne Stolz anmerkte.

An der Konferenz nahmen insgesamt ca. 220 Teilnehmer aus mindestens 12 verschiedenen Ländern teil. Die OER13 war damit größer als ihre Vorgängerveranstaltungen OER10, OER11 and OER12, und dass, obwohl das JISC-Förderprogramm kürzlich ausgelaufen ist und damit wohl weniger Mittel zur Verfügung standen als in den vorherigen Jahren. Im Gegensatz zu Deutschland liegt in Großbritannien der Schwerpunkt der OER-Bewegung im Hochschulbereich. Entsprechend kamen die meisten Teilnehmer aus dem tertiärem Bildunsgbereich. Zu den auf der OER13 vorgestellten und diskutierten Themenkreisen gehörten neben den auch in England aktuell gehypten MOOCS insbesondere auch Fragen der OER-Policy sowie die Auffindbarkeit von OER, wobei auch die Rolle von Bibliotheken im OER-Ecosystem intensiv diskutiert wurde.

Policy

Im Zentrum der Policy-Diskussion stand die Vorstellung von Zwischenergebnissen des von Paul Bacsich geleiteten POERUP-Projektes, das aktuell die OER-Aktivitäten in ausgesuchten Ländern scannt. Einen guten Überblick über die internationale Entwicklung gibt der POERUP-Elevator Pitch, in dem der OER-Entwicklungsstand von 26 Länder im Schnelldurchgang beleuchtet wird. Nach der Erstellung der Länderberichte in der ersten Projektphase, ist es Ziel der nun folgenden Analysephase, die Länderberichte auszuwerten und eine Reihe von Berichten zu erstellen, darunter verschiedene Fallstudien und -besonders interessant- drei Empfehlungspapiere zur Entwicklung von OER-Policies in Schulen, Colleges und Universitäten. Obwohl der wirklich spannende Teil des Projektes also erst noch kommt, gab es bereits eine Reihe interessanter Einschätzungen und Tendenzen, darunter Bekanntes, aber auch einiges Neues.

Dass sich die USA, Großbritannien, die Niederlande und auch Polen stark in Sachen OER engagieren, hat sich bei der deutschen OER-Community ja bereits herumgesprochen. Weniger bekannt ist dagegen, dass auch Spanien anscheinend zu den führenden OER-Nationen gehört, auch wenn man schon seit einer Weile auf der (lediglich als Beispiel dienenden und noch sehr unvollständigen) OER-Worldmap erkennen konnte, dass viele der spanischen Hochschulen am Open Course Ware Consortium teilnehmen. Seitens POERUP wurde nun bestätigt, dass sich Spanien in Sachen OER-Einführung sehr engagiert, was allerdings von einigen spanischen Konferenzteilnehmern bezweifelt wurde.

Das starke spanische Engagement erscheint mir aus verschiedenen Gründen interessant. So ist zum einen in mehreren Diskussionen und Gesprächen die These vertreten wurden, dass zumindest eine Korrelation zwischen den Auswirkungen der Finanzkrise und einem starken OER-Engagement besteht. Ein starkes Engagement in Spanien würde diese These stützen, da Spanien ja zu den besonders krisengeschüttelten Ländern in Europa gehört. Dazu würde -unter umgekehrten Vorzeichen- auch das schwache Engagement in Deutschland passen, das von der Finanzkrise bisher weitgehend verschont geblieben ist, weshalb hier wenig Leidensdruck zur Investition in OER besteht. Ähnlich könnte die Situation in den skandinavischen Länder aussehen.

Zum anderen ist das Beispiel Spanien interessant, weil Spanisch in vielen Ländern der Erde, u.a. in großen Teilen Südamerikas gesprochen wird und der spanische Sprachraum deshalb fast so groß ist, wie der englische. Als Folge dessen können sich spanischen OER schnell und weit verbreiten. Dadurch könnte es schnell zu positiven Rückkopplungsprozessen kommen, wenn auch andere spanisch sprechende Länder verstärkt in die Produktion von OER einsteigen. Laut POERUP käme dafür z.B. Mexiko in Frage, dass in den letzten Jahren massiv in OER investiert hat.

Bibliotheken und Findbarkeit

Direkt in mehreren Vorträgen wurde die Rolle der Bibliotheken im OER-System hinterfragt. Gema Bueno de la Fuente stellte die Ergebnisse einer an der Universität Strathclyde durchgeführten Studie zur Rolle von Bibliotheken in OER-Initiativen vor. Danach bringen Bibliotheken und Bibliothekare wertvolle Kompetenzen in die Durchführung von OER-Projekten ein. Ihr Wissen über Metadatenstandards, Information Retrieval und Repositorien können Bibliothekare sowohl in die Herstellung, als auch in die Verwaltung und Verbreitung von OER-Inhalten einbringen. Dazu müssen bestehende Arbeitsabläufe meist nur minimal angepasst werden. Insgesamt seien Bibliothekare deshalb gern gesehene Partner in OER-Projekten. Trotzdem bestünde noch viel Unkenntnis, häufig seien sich die Bibliotheken des Themas noch nicht ausreichend bewusst, ebenso, wie umgekehrt viele OER-Projekte die Bibliotheken als potentielle Projektpartner übersehen würde. Bibliotheken sollten sich deshalb verstärkt in die Herstellung und Verwaltung der OER-Bestände ihrer Institution einbringen und dadurch einen wichtigen Beitrag zum Wachstum der Bewegung leisten. Dies wäre von kaum zu überschätzender Bedeutung, da OER-Materialien häufig immer noch schwer zu finden sind, was eines der wesentlichen Hemmnisse bei der Etablierung von OER darstellt.

Im Einzelnen bestand hinsichtlich der Notwendigkeit und Funktion von Metadaten durchaus Uneinigkeit. So vertrat z.B. David Buchanan von JISC die Meinung, dass eine aufwändige Auszeichnung von OER mit Metadaten, ebenso wie ein zentraler Sucheinstieg nicht erforderlich sei. Das Netz sei die Plattform, OER würden ausreichend durch soziale Netzwerke verbreitet, dabei käme persönlichen Empfehlungen eine wichtige Stellung zu. Hingegen vertraten Bibliothekare eher die Ansicht, dass Metadaten für OER genauso wichtig seien, wie für “konventionelle” wissenschaftliche Inhalte. Eine technische Perspektive auf Metadaten bot Phil Barker, der sich für die Nutzung des auf schema.org basierenden neuen Metadatenstandards LRMI (Learning Resource Metadata Initiative) aussprach. LRMI ist ein Projekt, das von Creative Commons und der Association of Educational Publishers betrieben wird und zielt darauf ab, ein schlankes Schema bereitzustellen, das sich als De-Facto-Standard im Web etablieren soll. Schließlich war man seitens des niederländischen Wikiwijs Projekts der Auffassung, dass zukünftig die Findbarkeit von OER’s durch semantische Webtechnologien automatisch erfolgen könnte, wobei dann nicht nur die auszuzeichnende Seite selbst, sondern auch andere Seiten, die mit der Ausgangsseite verlinkt sind, zur Auswertung herangezogen werden könnten. Um dahin zu kommen, sei es jedoch erforderlich, erst einmal Inhalte sorgfältig manuell auszuzeichnen, um einen Bestand zu schaffen, von dem dann die zukünftige künstliche Intelligenz lernen könne.

Creating Virtious Circles

Ihrem aus kybernetischer Sicht viel versprechende Titel ist die OER13 für mich nicht ganz gerecht geworden. Welcher sich selbst verstärkenden Aufwärtskreisläufe es bedarf, um der OER-Bewegung endgültig zum Durchbruch zu verhelfen, habe ich jedenfalls nicht erfahren. Abgesehen davon war die OER13 eine spannende und hoch informative Veranstalltung. Neben den Bibliotheken als potentiellen neuen OER-Allierten traten auf der OER13 auch die Studenten mit Nachdruck in Erscheinung. Mit Toni Pearce von der National Union of Students und Nick Shockey von der The Right To Research Coalition wurden direkt zwei Keynotes von Studentenvertretern gehalten. Tatsächlich kommt Studenten (und Schülern) eine wichtige Rolle innerhalb der OER-Bewegung zu. Sie haben eine Doppelrolle als potentielle Nutzer und Produzenten von OER und können deshalb zu machtvollen Akteuren der OER-Bewegung werden. Darüber hinaus tragen Sie auch wesentliche Teile der Kosten für Lehrmaterialien, die sie vielleicht in Zukunft auch gezielt für die Produktion von offenen Lehrmaterialien einsetzen könnten. Gelänge dies, wären wir den “OER-Engelskreisen” sicherlich schon sehr nah. Genaueres dazu erfahren wir dann vielleicht im kommenden Jahr auf der OER14…