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Archiv für den Monat Mai 2015

Da es ja dieses Jahr leider keine große OER-Konferenz in Deutschland geben wird, nutze ich die Gelegenheit, um an die Konferenz des vergangenen Jahres zu erinnern und endlich meinen Blog zu aktualisieren. Der Vortrag ist vor dem Hintergrund eines sich anbahnenden deutschen OER-Programms immer noch aktuell.

Bei dem folgenden Beitrag handelt es sich um eine aktualisierte Version des gleichnamigen Beitrages aus dem hbz Jahresbericht Fakten und Perspektiven 2013

Die universelle Lernmittelbibliothek

Der Begriff „Bibliothek“ kommt aus dem Griechischen und bezeichnet ursprünglich eine „Bücherkiste“. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Bibliothek weiterentwickelt, aus der Kiste sind Gebäude geworden und neben Büchern kann man inzwischen weitere Medien wie z. B. Zeitschriften, Filme, E-Books und vieles mehr ausleihen. Auch wenn sich der Raum der Bibliothek zunehmend virtualisiert, beschreibt das Bild der Bücherkiste immer noch gut, was den Kern einer Bibliothek ausmacht: Eine Bibliothek ist eine Sammlung von verschiedenen Medieneinheiten.

„Die virtuelle Bibliothek“, Remix aus „Interior of the George Peabody Library in Baltimore“ von Matthew Petroff, Wikimedia Commons lizensiert unter CC-BY-SA 3.0 und „Moontab Tablet PC“ von Jmlevick, Openclipart, lizenziert unter CC0 1.0

„Die virtuelle Bibliothek“, Remix aus „Interior of the George
Peabody Library in Baltimore“ von Matthew Petroff, Wikimedia
Commons lizensiert unter CC-BY-SA 3.0 und „Moontab Tablet PC“
von Jmlevick, Openclipart, lizenziert unter CC0 1.0

Die Auswahl der Medieneinheiten richtet sich dabei nach dem Sammelauftrag der Bibliothek. Z. B. haben Schul- und Hochschulbibliotheken den Auftrag, Lern- und Lehrmittel zu sammeln. Lassen wir uns an dieser Stelle auf ein kleines Gedankenexperiment ein: Selbst wenn diese beiden Bibliothekstypen heute aus organisatorischen Gründen voneinander getrennt sind, kann man sich leicht eine universelle Lernmittelbibliothek vorstellen, in der Lern- und Lehrmittel für alle Fachdisziplinen und Bildungsstufen gesammelt werden. Eine solche Bibliothek hätte eine beachtliche Größe, umfasst wären:

  • unterschiedlichste Medientypen wie Arbeitsblätter, Übungsaufgaben, Tests, Lehrbücher, Vorlesungsunterlagen (Courseware), MOOCs, Videos, Audios, Lernsoftware, Lernpfade und vieles mehr
  • alle Schulfächer aller Schulformen, sämtliche Bereiche der Geistes-, Natur- und Gesellschaftswissenschaften, die schönen Künste sowie die vielfältigen bestehenden Weiterbildungsangebote
  • alle Bildungsstufen, beginnend mit frühkindlicher Erziehung, über die Schul- und Hochschulausbildung bis hin zur beruflichen Weiterbildung
Deutsches Bildungssystem von Der Unfassbare, Wikimedia Commons

Deutsches Bildungssystem von Der Unfassbare, Wikimedia Commons

Stellen Sie sich nun vor, dass Sie selbst Zugriff auf eine solche Bibliothek hätten und zwar zu jeder Zeit und an jedem Ort, vorausgesetzt Sie tragen Ihr Tablet oder Smartphone bei sich. Wie würde sich das Vorhandensein einer derart gewaltigen Bibliothek auf Ihr eigenes Bildungsverhalten auswirken? Und wie wäre Ihre eigene Bildungsgeschichte verlaufen, wenn Sie von Beginn ihrer Ausbildung an Zugriff auf eine solche Bibliothek gehabt hätten? Wäre Ihre Ausbildung anders verlaufen? Und denken wir noch einen Schritt weiter: Was für Auswirkungen würden sich auf der Makroebene ergeben, wenn eine solche universelle Lernmittelbibliothek nicht nur einzelnen, sondern allen Menschen zur Verfügung stünde und das weltweit?

Open Educational Resources

Der Aufbau einer so definierten universellen Lernmittelbibliothek ist das Ziel der „Open Educational Resources“-Bewegung, die sich seit dem 2012 OER World Congress der UNESCO in Deutschland verstärkter Aufmerksamkeit erfreut. Nach der im Rahmen des Kongresses verabschiedeten Paris-Deklaration sind OER:

“teaching, learning and research materials in any medium, digital or otherwise,that reside in the public domain or have been released under an open license that permits no-cost access, use, adaptation and redistribution by others with no or limited restrictions.”

Nach David Wiley sind offene Inhalte dadurch gekennzeichnet, dass sie

  1. Heruntergeladen und gespeichert („retain“),
  2. für beliebige Zwecke genutzt („reuse“)
  3. bearbeitet, z. B. übersetzt  („revise“)
  4. mit anderen Inhalten in sog. „Mashups“ kombiniert („remix“) und
  5. in ursprünglicher, bearbeiteter oder kombinierter Fassung weitergegeben („redistribute“) werden können.

Vielen erscheint der Aufbau einer umfassenden OER-Bibliothek zwar grundsätzlich wünschenswert, letztlich aber unrealistisch oder gar utopisch. Dabei wird übersehen, dass der Beweis bereits erbracht worden ist, dass die kollaborative Erzeugung offener und (für den Endnutzer) kostenfreier, aber dennoch hochwertiger Wissensprodukte in der Praxis funktioniert. Spätestens der Aufbau der Wikipedia hat dies gezeigt. Noch im Jahr 2000 hätte man mit der Behauptung, es werde in wenigen Jahren ein kostenloses Online-Lexikon geben, das an die Qualität der Encyclopædia Britannica oder des Brockhaus heranreicht oder diese sogar noch übertrifft, Hohn und Spott geerntet. Die erste Lektion, die uns die noch kurze Geschichte des Webs lehrt, ist nach Kevin Kelly, dass wir besser darin werden müssen, an das Unmögliche zu glauben („We have to get better in believing the impossible.“). Sicherlich, der Aufbau der oben beschriebenen OER-Bibliothek ist anspruchsvoller und komplexer als die Entwicklung der Wikipedia, aber waren es bei Wikipedia überwiegend engagierte Einzelpersonen, die zum Aufbau der inzwischen umfassendsten und aktuellsten Enzyklopädie der Welt beigetragen haben, so bringen sich in die OER-Bewegung auch viele Institutionen ein. Zuallererst zu nennen sind dabei die vielen Schulen und insbesondere auch Hochschulen, die zunehmend die Herstellung von offenen Inhalten als ihre Aufgabe betrachten, wie man z. B. an den wachsenden Mitgliederzahlen des Open Education Consortiums erkennen kann. Die größten Hürden auf dem langen Weg zum Aufbau der universellen Lernmittelbibliothek sind keinesfalls rechtlicher, wirtschaftlicher oder technischer Natur. Vielmehr ist das Haupthindernis, dass vielen Akteuren im Bildungsbereich – politischen Entscheidungsträgern wie Lehrern und Hochschullehrern –schlicht das Erreichen eines so ambitionierten Ziels als bislang nicht vorstellbar erscheint – und sie es deshalb gar nicht erst versuchen.

OER und Bibliotheken

Die eingangs verwendete Bibliotheksmetapher ist nicht ohne Grund so treffend. Zwischen Bibliotheken und OER besteht ein enger Zusammenhang, weshalb Bibliotheken im Rahmen der OER-Bewegung eine führende Rolle übernehmen sollten und dies auch faktisch in zunehmendem Maße tun. Wissen zu teilen ist und bleibt – unabhängig von wechselnden Medienformaten und Distributionskanälen – die Kernidee der Bibliothek, die zugleich der OER-Bewegung zugrunde liegt. Hinzu kommt, dass sich mit OER viele Probleme in Bibliotheken verbessern ließen, man denke nur an die zerlesenen Lehrbuchsammlungen in vielen Hochschulbibliotheken. Konkret können sich (Hochschul-)Bibliotheken auf vielfältige Art und Weise in die Förderung von OER einbringen:

  • Bibliothekarinnen und Bibliothekare können dazu beitragen, das OER-Konzept an ihren Einrichtungen bekannt zu machen.
  • Hochschulbibliotheken können Studenten und Wissenschaftler zukünftig verstärkt mit OER aus den eigenen Sammelgebieten versorgen.
  • Bibliothekarinnen und Bibliothekare können  u. a. ihre Kenntnisse über Metadatenstandards, Formate, kontrollierte Vokabularien und offene Lizenzen in die Herstellung von OER einbringen.
  • Die erstellten OER müssen über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg professionell gemanagt werden. Dies erfordert insbesondere die Ablage in einem geeigneten Repositorium, das die Vielfalt der Medienformate, in denen OER auftreten können, verwalten kann und über die notwendigen Schnittstellen, etwa zu Learning Management-, Discovery- und Langzeitarchivierungssystemen verfügt.

Eine aktuell drängende Herausforderung stellt die Etablierung von Metadatenstandards für OER dar. Viele der zurzeit aktiven OER-Initiativen haben hier noch kein entsprechendes Problembewusstsein entwickelt oder verfügen nicht über die bibliothekarische Kompetenz, um „State of the Art“-Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. So stellt z. B. die Learning Resources Metadata Initiative (LRMI) einen schlanken Metadatenstandard für Bildungsmaterialien bereit, der in schema.org integriert ist. LRMI ermöglicht es, HTML-Beschreibungen von OER so mit strukturierten Metadaten anzureichern, dass entsprechend ausgezeichnete Materialen zukünftig direkt von den wichtigsten Suchmaschinen als solche erkannt und indexiert werden können. Insgesamt erscheint der Zeitpunkt für eine deutsche Standardisierungsinitiative überaus günstig. Gelänge es zu diesem frühen Zeitpunkt, sich auf einen gemeinsamen Mindeststandard wie LRMI zu einigen, so könnte die Auffindbarkeit der zukünftig hergestellten Ressourcen signifikant verbessert werden.

OER im hbz

In Deutschland steht die OER-Bewegung am Anfang einer neuen Phase. Nach Veröffentlichung des Berichts der Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der Länder und des Bundes zu Open Educational Resources (OER) werden inzwischen vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und vom Wikimedia e.V. zwei Studien erstellt, die die Umsetzung eines OER-Programms vorzubereiten scheinen.

Das hbz war schon immer führend in der Umsetzung offener Ansätze im Bibliothekswesen: Man denke an die Gründung der Open-Access-Plattform „Digital Peer Publishing (DIPP)“ 2004 oder an die Publikation bibliothekarischer Metadaten unter CC0-Lizenz 2010, die zu weltweiter Nachahmung geführt hat. So erscheint es nur folgerichtig, dass das hbz ebenso im Bereich der freien Bildungsmittel die Rolle des Vorreiters übernimmt. Aktuell werden dazu im hbz zwei Projekte verfolgt, die aufeinander aufbauen und sich gegenseitig ergänzen. Im Zentrum der augenblicklichen Anstrengungen steht dabei die von der William und Flora Hewlett Foundation geförderte Entwicklung der OER World Map. In dem Projekt werden beschreibende Daten zu OER-Akteuren und Diensten gesammelt und auf verschiedene Arten visualisiert. Die OER World Map bietet inhaltlich einen optimalen Einstieg in die Entwicklung weiterer bibliotheksbezogener OER-Dienste, etwa um die von den verzeichneten Institutionen produzierten Inhalte zu erfassen und zugänglich zu machen. An dieser Stelle wird das zweite OER-Projekt des hbz ansetzen. Obwohl es aktuell eine stetig steigende Zahl von deutschen OER-Initiativen gibt, sind deren Erzeugnisse immer noch schwer auffindbar. Im Rahmen des Projektes „OER-Suchmaschine“ soll eine prototypische Suchmaschine für deutschsprachige OER entwickelt werden. Dazu sollen im Einzelnen

  1. in Zusammenarbeit mit anderen wichtigen OER-Playern Best Practices für Dateiformate sowie die Vergabe von Metadaten und Lizenzen definiert,
  2. deutsche OER-Initiativen nebst Links zu deren Inhalten mittels der OER World Map erfasst,
  3. die in den Repositorien lagernden OER-Inhalte eingesammelt und in einer OER-Suchmaschine indexiert werden.

Der Aufbau der universellen Lernmittelbibliothek hat also bereits begonnen. Ob er erfolgreich sein wird, ist auch davon abhängig, ob und wie sich deutsche Hochschulbibliotheken in die weitere Entwicklung der OER-Bewegung einbringen werden. Lassen Sie uns gemeinsam anfangen, an das Unmögliche zu glauben!

Literatur