Neil Butcher auf der OERde13

Neil Butcher ist einer der international erfahrensten Beobachter der OER-Bewegung. Auf der Berliner OERde13 hat er in seiner Abschluss-Keynote darüber gesprochen, worauf die Prioritäten bei der mit OER einhergehenden Veränderung unseres Bildungssystems gelegt werden sollten. Dabei hat Neil einige wichtige Punkte gemacht, die auch bei der in Deutschland nun anstehenden Definition eines OER-Programms hilfreich sein könnten und die ich deshalb im Folgenden kurz zusammengefasst habe. Wer Neil in voller Länge genießen will, kann sich dank werkstatt.bpb.de die Aufzeichnungen des Vortrages und des Interviews ansehen.

Um die jetzige Situation besser verstehen zu können, sei es zunächst einmal erforderlich zurückzublicken. Die Struktur unserer Schulen und Universitäten stamme aus einer Zeit, in der Information (z.B. in Form von Büchern) noch eine knappe Ressource war und auch nur wenig neue Informationen entstanden. In dieser Situation sei es sinnvoll gewesen, Lehrer als Multiplikatoren einzusetzen, zumal die Arbeitskraft damals noch verhältnismäßig billig gewesen sei. Heute jedoch stelle sich die Situation ganz anders dar. Aus der früheren Informationsknappheit sei inzwischen eine Informationsflut geworden. Mit Blick auf das Bildungssystem herrsche deshalb die paradoxe Situation, dass wir ein Bildungssystem, das für Zeiten der Informationsknappheit gestaltet wurde, in Zeiten des Informationsüberflusses immer noch verwenden würden.

Die Einführung von OER böte nun die große Chance innezuhalten und zu überdenken, wie das Bildungssystem für das kommend Jahrtausend gestaltet werden könne. Dabei müssten drei Fragen geklärt werden:

  1. Wie sollen Schüler und Studenten ihre Zeit verbringen?
  2. Was soll gelernt werden?
  3. Welche Rolle sollen Lehrer dabei übernehmen?

Auch wenn es auf Mikroebene viele hervorragende und innovative OER-Projekte gäbe, würden diese Fragen auf Makroebene noch weitgehend vernachlässigt. Fortschritte einzelner Projekte würden hier eher dazu genutzt, eine Illusion von Veränderung zu schaffen, tatsächlich würde aber das überkommene System aufrecht erhalten, was verhängnisvolle Folgen haben könne. Wenn man nämlich Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) zu einem bestehenden Bildungssystem hinzufüge, alle anderen Komponenten jedoch unverändert ließe, so hätte dies fast zwangsläufig zur Folge, dass sich die Kosten des Bildungssystems erhöhten und sich seine Qualität verschlechterte. Der Einsatz von Learning Management Systemen stelle meistens nur noch eine weitere Aufgabe dar, die den Lehrern übertragen würde, die ohnehin schon mit den vielen ihnen auferlegten Aufgaben überfordert seien. Der Einsatz eines Produktivitätswerkzeuges, das mehr Arbeit verursache, mache jedoch keinen Sinn, weshalb Learning-Management-Systeme auch auf breite Ablehnung bei Lehren stoßen würden.

Dabei sei mit IKT und OER eigentlich bereits alles notwendige vorhanden, um das Bildungssystem zu reorganisieren, nämlich ein reicher Bestand an offenen Inhalten und die Werkzeuge zur Produktion und Verwaltung von weiteren Inhalten. Dadurch würde es möglich, Schüler und Studenten, die bisher in Klassenräumen und Vorlesungen fest säßen, zu befreien und ihnen die Verantwortung für ihre eigenen Ausbildungsprogramme zurückzugeben. Entscheidend sei dabei, dass zukünftig die Schüler und nicht mehr die Lehrer die Zusammenstellung („Packaging“) der Inhalte übernehmen sollten. Im Zentrum müsse dabei die Vermittlung des curricularen Lehrstoffes anhand von realitätsnahen Problemen stehen. Jede Recherche gebe den Schülern dabei die Möglichkeit zu lernen, was gute und was schlechte Inhalte seien. Den Lehrern käme dabei die wichtige Aufgabe zu, die Schüler und Studenten auf ihren Reisen durch die Informationslandschaft zu begleiten. Dadurch, dass sie dann nicht mehr die unzähligen Entscheidungen auf Mikroebene bezüglich der Auswahl der richtigen Lerninhalte treffen müssten, würden die Lehrer erstmals wirklich nennenswert entlastet. Auch für die Schüler würde dieses Vorgehen zu einer Zeitersparnis führen. Nach seiner Erfahrung könnten Schüler den curricular vorgeschriebenen Stoff in zwei bis drei Stunden am Tag lernen, wenn Sie sich nicht mehr in den starr vorgegebenen Stundenplänen bewegen müssten.

Dieser Zeitgewinn sei eine wichtige Voraussetzung für eine wirkliche Veränderung des Bildungssystems, da Lehrer und Entscheidungsträger in den Bildungsinstitutionen momentan keine Zeit fänden, sich über die notwendigen Veränderungen Gedanken zu machen. Eine solche reflexive Praxis sei aber eine Voraussetzung für eine zukünftige Veränderung des Systems. Wie das Bildungssystem der Zukunft aussehe, könne momentan niemand sagen. Den einen richtigen Ansatz werde es vermutlich nicht geben, vielmehr müsse jetzt experimentiert werden um herauszufinden, welche Modelle geeignet seien und übernommen werden könnten.

Als konkrete nächste Schritte empfiehlt Neil:

  1. Einen systematischen Bürokratieabbau, bei dem alle bestehenden Regelungen überprüft und ggf. aufgehoben werden sollten. Aus internationalen Vergleichen wisse man, dass die Bildungssysteme, die ihre Ausbildungseinrichtungen nur mit einem schlanken Regelapparat belasteten, wie z.B. in Finnland und Südkorea, am besten funktionieren würden.
  2. Die konsequente Ausrichtung aller Aktivitäten im Bereich OER auf Schüler und Studenten. Momentan stünden bei vielen Projekten die Lehrer immer noch zu stark im Fokus des Interesses.
  3. Dem institutionellen Entscheidungsträgern müsse mehr Entscheidungsmöglichkeiten eingeräumt werden. Schulen und auch Hochschulen seien, aller akademischen Freiheit zum Trotz, sehr beschränkt in ihren Handlungsmöglichkeiten. Hier müssten die Voraussetzungen für eine zukünftige dezentralisierte Organisation des Bildungssystem geschaffen werden.

Dabei sei insgesamt große Eile geboten. Die augenblicklichen Bildungssysteme würden Schüler und Studenten nicht mehr angemessen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, was an der steigenden Jugendarbeitslosigkeit erkennbar wäre. Die ökonomische Marginalisierung der Jugend sei jedoch eine sehr schlechte Idee und würde zu massiven sozialen Spannungen führen. Wenn wir nicht bald effektiv gegensteuerten, drohe ein Zusammenbruch. Man könne aktuell nicht sagen, welche der kommenden Generationen betroffen sei, aber es bestünde kein Zweifel, dass die betroffene Generation eine sehr unglückliche Generation sein werde.

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