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Archiv für den Monat Mai 2013

Open Notthingham

Vom 26. bis zum 27. März 2013 fand in Notthingham die OER13 statt. Veranstaltungsort war der Jubilee Campus der Universität Notthingham. Die Universität, die sich laut der Londoner Times (via Wikipedia) in den letzten zwanzig Jahren zur Hauptalternative zu Oxbridge entwickelt hat, verfügt neben dem Campus in Notthingham über je einen Campus in China und in Malaysia und kann deshalb zu Recht als internationales Unternehmen bezeichnet werden. Notthingham ist auch im OER-Bereich führend. Unter Open Notthingham findet man das OER-Angebot der Universität, zu dem die eigene OER-Suchmaschine XPert, die open source Suite zur Erstellung von OER-Inhalten Xerte, das Open Courseware Repositorium U-Now, ein I-Tunes U Auftritt und ein eigener Channel auf YouTube Edu gehören. Auf letzterem gehört die Periodic Table of Videos Serie zu den absoluten Publikumsmagneten, in der Martyn Poliakoff, gestylt mit typischer Professorenfrisur, das Periodensystem mit einem Video pro Element erklärt. Die Periodic Videos haben bisher beachtliche 40 Millionen Clicks generiert und lagen damit zweitweise noch vor dem Channel des Chealsea Fußball Clubs, wie Professor Alan Ford in seiner Begrüssungsrede nicht ohne Stolz anmerkte.

An der Konferenz nahmen insgesamt ca. 220 Teilnehmer aus mindestens 12 verschiedenen Ländern teil. Die OER13 war damit größer als ihre Vorgängerveranstaltungen OER10, OER11 and OER12, und dass, obwohl das JISC-Förderprogramm kürzlich ausgelaufen ist und damit wohl weniger Mittel zur Verfügung standen als in den vorherigen Jahren. Im Gegensatz zu Deutschland liegt in Großbritannien der Schwerpunkt der OER-Bewegung im Hochschulbereich. Entsprechend kamen die meisten Teilnehmer aus dem tertiärem Bildunsgbereich. Zu den auf der OER13 vorgestellten und diskutierten Themenkreisen gehörten neben den auch in England aktuell gehypten MOOCS insbesondere auch Fragen der OER-Policy sowie die Auffindbarkeit von OER, wobei auch die Rolle von Bibliotheken im OER-Ecosystem intensiv diskutiert wurde.

Policy

Im Zentrum der Policy-Diskussion stand die Vorstellung von Zwischenergebnissen des von Paul Bacsich geleiteten POERUP-Projektes, das aktuell die OER-Aktivitäten in ausgesuchten Ländern scannt. Einen guten Überblick über die internationale Entwicklung gibt der POERUP-Elevator Pitch, in dem der OER-Entwicklungsstand von 26 Länder im Schnelldurchgang beleuchtet wird. Nach der Erstellung der Länderberichte in der ersten Projektphase, ist es Ziel der nun folgenden Analysephase, die Länderberichte auszuwerten und eine Reihe von Berichten zu erstellen, darunter verschiedene Fallstudien und -besonders interessant- drei Empfehlungspapiere zur Entwicklung von OER-Policies in Schulen, Colleges und Universitäten. Obwohl der wirklich spannende Teil des Projektes also erst noch kommt, gab es bereits eine Reihe interessanter Einschätzungen und Tendenzen, darunter Bekanntes, aber auch einiges Neues.

Dass sich die USA, Großbritannien, die Niederlande und auch Polen stark in Sachen OER engagieren, hat sich bei der deutschen OER-Community ja bereits herumgesprochen. Weniger bekannt ist dagegen, dass auch Spanien anscheinend zu den führenden OER-Nationen gehört, auch wenn man schon seit einer Weile auf der (lediglich als Beispiel dienenden und noch sehr unvollständigen) OER-Worldmap erkennen konnte, dass viele der spanischen Hochschulen am Open Course Ware Consortium teilnehmen. Seitens POERUP wurde nun bestätigt, dass sich Spanien in Sachen OER-Einführung sehr engagiert, was allerdings von einigen spanischen Konferenzteilnehmern bezweifelt wurde.

Das starke spanische Engagement erscheint mir aus verschiedenen Gründen interessant. So ist zum einen in mehreren Diskussionen und Gesprächen die These vertreten wurden, dass zumindest eine Korrelation zwischen den Auswirkungen der Finanzkrise und einem starken OER-Engagement besteht. Ein starkes Engagement in Spanien würde diese These stützen, da Spanien ja zu den besonders krisengeschüttelten Ländern in Europa gehört. Dazu würde -unter umgekehrten Vorzeichen- auch das schwache Engagement in Deutschland passen, das von der Finanzkrise bisher weitgehend verschont geblieben ist, weshalb hier wenig Leidensdruck zur Investition in OER besteht. Ähnlich könnte die Situation in den skandinavischen Länder aussehen.

Zum anderen ist das Beispiel Spanien interessant, weil Spanisch in vielen Ländern der Erde, u.a. in großen Teilen Südamerikas gesprochen wird und der spanische Sprachraum deshalb fast so groß ist, wie der englische. Als Folge dessen können sich spanischen OER schnell und weit verbreiten. Dadurch könnte es schnell zu positiven Rückkopplungsprozessen kommen, wenn auch andere spanisch sprechende Länder verstärkt in die Produktion von OER einsteigen. Laut POERUP käme dafür z.B. Mexiko in Frage, dass in den letzten Jahren massiv in OER investiert hat.

Bibliotheken und Findbarkeit

Direkt in mehreren Vorträgen wurde die Rolle der Bibliotheken im OER-System hinterfragt. Gema Bueno de la Fuente stellte die Ergebnisse einer an der Universität Strathclyde durchgeführten Studie zur Rolle von Bibliotheken in OER-Initiativen vor. Danach bringen Bibliotheken und Bibliothekare wertvolle Kompetenzen in die Durchführung von OER-Projekten ein. Ihr Wissen über Metadatenstandards, Information Retrieval und Repositorien können Bibliothekare sowohl in die Herstellung, als auch in die Verwaltung und Verbreitung von OER-Inhalten einbringen. Dazu müssen bestehende Arbeitsabläufe meist nur minimal angepasst werden. Insgesamt seien Bibliothekare deshalb gern gesehene Partner in OER-Projekten. Trotzdem bestünde noch viel Unkenntnis, häufig seien sich die Bibliotheken des Themas noch nicht ausreichend bewusst, ebenso, wie umgekehrt viele OER-Projekte die Bibliotheken als potentielle Projektpartner übersehen würde. Bibliotheken sollten sich deshalb verstärkt in die Herstellung und Verwaltung der OER-Bestände ihrer Institution einbringen und dadurch einen wichtigen Beitrag zum Wachstum der Bewegung leisten. Dies wäre von kaum zu überschätzender Bedeutung, da OER-Materialien häufig immer noch schwer zu finden sind, was eines der wesentlichen Hemmnisse bei der Etablierung von OER darstellt.

Im Einzelnen bestand hinsichtlich der Notwendigkeit und Funktion von Metadaten durchaus Uneinigkeit. So vertrat z.B. David Buchanan von JISC die Meinung, dass eine aufwändige Auszeichnung von OER mit Metadaten, ebenso wie ein zentraler Sucheinstieg nicht erforderlich sei. Das Netz sei die Plattform, OER würden ausreichend durch soziale Netzwerke verbreitet, dabei käme persönlichen Empfehlungen eine wichtige Stellung zu. Hingegen vertraten Bibliothekare eher die Ansicht, dass Metadaten für OER genauso wichtig seien, wie für “konventionelle” wissenschaftliche Inhalte. Eine technische Perspektive auf Metadaten bot Phil Barker, der sich für die Nutzung des auf schema.org basierenden neuen Metadatenstandards LRMI (Learning Resource Metadata Initiative) aussprach. LRMI ist ein Projekt, das von Creative Commons und der Association of Educational Publishers betrieben wird und zielt darauf ab, ein schlankes Schema bereitzustellen, das sich als De-Facto-Standard im Web etablieren soll. Schließlich war man seitens des niederländischen Wikiwijs Projekts der Auffassung, dass zukünftig die Findbarkeit von OER’s durch semantische Webtechnologien automatisch erfolgen könnte, wobei dann nicht nur die auszuzeichnende Seite selbst, sondern auch andere Seiten, die mit der Ausgangsseite verlinkt sind, zur Auswertung herangezogen werden könnten. Um dahin zu kommen, sei es jedoch erforderlich, erst einmal Inhalte sorgfältig manuell auszuzeichnen, um einen Bestand zu schaffen, von dem dann die zukünftige künstliche Intelligenz lernen könne.

Creating Virtious Circles

Ihrem aus kybernetischer Sicht viel versprechende Titel ist die OER13 für mich nicht ganz gerecht geworden. Welcher sich selbst verstärkenden Aufwärtskreisläufe es bedarf, um der OER-Bewegung endgültig zum Durchbruch zu verhelfen, habe ich jedenfalls nicht erfahren. Abgesehen davon war die OER13 eine spannende und hoch informative Veranstalltung. Neben den Bibliotheken als potentiellen neuen OER-Allierten traten auf der OER13 auch die Studenten mit Nachdruck in Erscheinung. Mit Toni Pearce von der National Union of Students und Nick Shockey von der The Right To Research Coalition wurden direkt zwei Keynotes von Studentenvertretern gehalten. Tatsächlich kommt Studenten (und Schülern) eine wichtige Rolle innerhalb der OER-Bewegung zu. Sie haben eine Doppelrolle als potentielle Nutzer und Produzenten von OER und können deshalb zu machtvollen Akteuren der OER-Bewegung werden. Darüber hinaus tragen Sie auch wesentliche Teile der Kosten für Lehrmaterialien, die sie vielleicht in Zukunft auch gezielt für die Produktion von offenen Lehrmaterialien einsetzen könnten. Gelänge dies, wären wir den “OER-Engelskreisen” sicherlich schon sehr nah. Genaueres dazu erfahren wir dann vielleicht im kommenden Jahr auf der OER14…