Soziale Gerechtigkeit und OER

Vorletzten Samstag hatte ich das Glück, den Nobelpreisträger und früheren Chefökonomen der Weltbank, Joseph Stiglitz im Rahmen der lit.COLOGNE live erleben zu können. In seinem neuen Buch “Der Preis der Ungleichheit“ untersucht Stiglitz die Bedeutung der sozialen Gerechtigkeit für die USA und andere moderne Gesellschaften. Seine Kernthese lautet, dass soziale Ungerechtigkeit, die insbesondere in der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich zum Ausdruck kommt, den wirtschaftlichen Erfolg von Volkswirtschaften gefährdet, indem Sie deren Wachstum senkt und ihre Effizienz hemmt. Soziale Ungleichheit führt insbesondere dazu, dass das Potential der Menschen, die den wichtigsten Produktionsfaktor einer Volkswirtschaft darstellen, nicht optimal genutzt wird. Diese Einsicht mag für viele nahe liegend sein, für Wirtschaftswissenschaftler ist sie aber durchaus nicht selbstverständlich, nehmen diese doch häufig auf die „Trickle-down-Theorie” Bezug, nach der der Reichtum der obersten Gesellschaftsschichten nach unten “durchsickert”, etwa weil Reiche viel konsumieren und Angestellte beschäftigen. Manchmal muss man halt Experte sein, um eine Sache nicht zu verstehen. Das Argument ist nämlich, so Stiglitz, schlichtweg falsch, da Reiche relativ gesehen einen geringeren Teil ihres Einkommens ausgeben als dies Arme tun würden. Wird also Geld von unten nach oben umverteilt, so führt dies zu einem Absinken des Konsums und damit zu einem Rückgang der Binnennachfrage.

Soziale Gerechtigkeit wirkt sich aber nicht nur auf das Wirtschaftssystem aus, sondern durchzieht auch andere wichtige Gesellschaftssysteme, etwa das Politik- und das Rechtssystem. In den USA etwa herrscht Stiglitz zufolge inzwischen ein demokratisches Zerrbild, das anstatt von “One Man – One Vote” eher durch “One Dollar – One Vote” beschrieben werden kann. Ähnlich sieht es mit dem Recht aus, vor dem eben nicht alle gleich sind, sondern das derjenige erhält, der es sich leisten kann. In ihrer Kombination sind die wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Folgen sozialer Ungerechtigkeit verheerend. Langfristig entsteht eine gespaltenen Zweiklassengesellschaft, in der die Reichen in “Gated Communities” leben und alleinigen Zugriff auf eine gute Ausbildung und Gesundheitsversorgung haben.

So weit so schlecht. Nun konzentriert sich Stiglitz bei seinen Darstellungen auf die USA. Aber wo steht Deutschland? Diese Frage beantwortet die 2011 erschienene Bertelsmann Studie „Soziale Gerechtigkeit in der OECD„. Sie kommt zu dem eher ernüchternden Ergebnis, dass Deutschland in Sachen soziale Gerechtigkeit im OECD Durchschnitt nur auf Platz 15 von 31 kommt. Auf den ersten Plätzen liegen geschlossen die skandinavischen Länder, gefolgt von den Niederlanden und der Schweiz.

Soziale Gerechtigkeit in der OECD, Quelle Bertelsmann

Wie aber berechnet man soziale Gerechtigkeit? Die Bertelmann-Studie verwendet dazu einen “Index Soziale Gerechtigkeit” der auf Grundlage der Arbeiten von Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung basiert. Dazu wurden fünf Zieldimensionen gebildet, nämlich, “Armutsvermeidung”, “Inklusion in den Arbeitsmarkt”, “soziale Kohäsion und Gleichheit”, “Generationengerechtigkeit” und – und jetzt nähern wir uns dem Thema OER – “Bildungszugang”. Der Zugang zu Bildung wird dabei als besonders wichtig eingestuft, was in der doppelten Bewertung der Zieldimension zum Ausdruck kommt, die nur noch von der Dimension “Armutsvermeidung” übertroffen wird, die dreifach gewertet wird. In dieser Bewertung kommt die grundlegende Wechselbeziehung zwischen Bildung und Wohlstand zum Ausdruck: Wer keinen Zugang zu Bildung hat, dem bleibt der soziale Aufstieg verwehrt. Wer sozial benachteiligt ist, findet keinen Zugang zu Bildung (Bertelsmann, 2010 S.17). Erschreckend ist nun, dass Deutschland gerade in der Kategorie “Bildungszugang” nur auf Platz 21 kommt und damit noch hinter den USA (19.) und Chile (20.) liegt!

Bildungszugang in der OECD, Quelle: Bertelsmann

Wir können als Zwischenergebnis festhalten, dass der Zugang zu Bildung einen wichtigen Faktor für die Entstehung von sozialer Gerechtigkeit darstellt. Die nahe liegende Annahme ist nun, dass durch eine flächendeckende Einführung von OER der Zugang zu Bildung für eine große Zahl von Menschen deutlich erleichtert werden kann. Für viele OER-Befürworter ist dies offensichtlich, aber auch jenseits von dogmatischer Überzeugung und utopisch angehauchtem Optimismus lassen sich gute Argumente dafür finden, dass dies tatsächlich so ist. Zwar kann der Zugang zu Bildungsressourcen nicht 1:1 mit dem Zugang zu Bildung gleich gesetzt werden. Zum einen ist Bildung mehr als nur Bildungsmaterial und zum anderen bedeutet die bloße freie Verfügbarkeit von Materialien im Internet noch nicht, dass diese auch genutzt werden. Trotzdem begünstigen OER die Entwicklung von Bildung. Lernmaterialien spielen schon seit jeher eine wichtige Rolle in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, man denke nur an die berühmten Materialien von Maria Montessori. Vor dem Hintergrund der mit der Digitalisierung einhergehenden neuen Möglichkeiten verwundert es deshalb nicht, dass die UNESCO ressourcenorientiertes Lernen propagiert und in Frage stellt, dass das überkommene Bild der Wissensvermittlung durch den “vortragenden Lehrer” immer den pädagogisch und finanziell effektivsten Weg darstellt (Butcher 2011, S.26). Das Konzept des ressourcenorientierten Lernens scheint in Deutschland noch nicht viel Beachtung gefunden zu haben. Immerhin gibt es erste Ansätze. So entwickeln im Rahmen des Projektes CROKODIL die TU Darmstadt, die Leibnitz Universität Hannover und die TU Kaiserslautern gemeinsam mit Siemens und anderen privatwirtschaftlichen Partnern Lösungen zur Unterstützung von selbstgesteuertem resourcenbasiertem Lernen.

Dass das bloße Vorhandensein von Ressourcen Lernprozesse stimulieren kann, belegt weiterhin eindrucksvoll das “Hole in the wall“ Experiment von Sugata Mitra, bei dem Kinder aus strukturschwachen Gebieten in Indien durch die bloße zur Verfügungstellung eines Computers mit Internetanschluss zu teils erstaunlichen Lernerfolgen kamen. Auf Basis der gemachten Erfahrungen hat Sugata Mitra die “Minimally Invasive Education” Methode entwickelt, die darauf abzielt, Lernumgebungen aufzubauen, die Kinder motivieren zu lernen, ohne dabei von einem Lehrer angeleitet zu werden. Mitra betont, dass dabei die Interaktion der Kinder in sich selbst organisierenden Lerngruppen von großer Bedeutung ist, z.B. indem es schnell zu einer “Expertenbildung” in der Form kommt, dass einzelne Kinder besondere Fähigkeiten entwickeln, die Sie dann an andere Kinder weitergeben.

Kinder in Kambodscha bei der Benutzung einer Learning-Station, © by Hole-in-the-Wall Education Limited

Nun mag vielleicht der eine oder andere bezweifeln, dass sich Mitras Erkenntnisse aus dem unteren Bereich des Bildungsspektrums ohne weiteres auf entwickelte Bildungssysteme, wie z.B. das deutsche übertragen lassen. In diesem Fall kann man am Beispiel der amerikanischen Elite-Hochschulen, wie MIT, Harvard, Berkeley, Stanford u.a. erkennen, wie offene Bildung im High-End-Bereich aussehen könnte. Mit großem finanziellen Aufwand werden hier sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCS) entwickelt und auf Plattformen wie EdX, Coursera und Udacity angeboten. Tatsächlich scheint sich hier der Eingangs erwähnte Unterschied zwischen Bildung- und Bildungsressourcen zu minimieren, da es keinen allzu großen Unterschied mehr macht, ob man eine Vorlesung live oder per Videostream verfolgt. Selbstbewusst verweist z.B. Coursera auf eine 2010 vom US Department of Education veröffentlichte Metastudie in der 45 E-Learning Studien ausgewertet worden sind und die zum Ergebnis kommt, dass E-Learning mindestens ebenso effektiv sei, wie ein konventionelles Präsenzstudium. Die MOOC-Welle scheint nun auch nach Deutschland zu schwappen, wie man an der openHPI-Plattform des Potsdamer Hasso Plattner Instituts erkennen kann.

Berücksichtigt man die genannten Beispiele, so wird man nur schwerlich bestreiten können, dass eine flächendeckende Versorgung mit OER’s eine förderliche Auswirkungen auf die in einer Gesellschaft ablaufenden unzähligen Bildungsprozesse haben wird. Zwar führen offene Bildungsresourcen nicht automatisch zu gebildeten Menschen, aber immerhin würde kein Lernwilliger mehr davon abgehalten werden, dass er nicht über die nötigen Mittel verfügt, um sich Zugang zu Lernmaterialien zu verschaffen. Und diese Wirkung würde an vielen Stellen in der Gesellschaft auftreten. Eine hervorragende Eigenschaft von OER’s ist nämlich deren namen gebende Offenheit, die sie gleichsam in formellen, wie in informellen Bildungskontexten relevant werden lässt. Lehrer können davon ebenso profitieren, wie Schüler, Studenten ebenso wie Professoren. Aber in der beruflichen Weiterbildung können OER-Materialien nachgenutzt werden, genauso wie z.B. in Volkshochschulen und anderen Weiterbildungseinrichtungen. Nicht zuletzt könnten durch eine OER-Einführung die Bildungschancen von Autodidakten erheblich verbessert werden könnte. Insgesamt würden die Bedingungen für lebenslanges Lernen durch eine flächendeckende OER-Versorgung dramatisch verbessert.

OER stellen aber nicht nur den effektivsten Verbreitungsmechanismus für Lerninhalte dar, OER-Plattformen versprechen dabei auch noch besonders robust zu sein, da sie den Bildungsprozess vom Finanzierungsprozess entkoppeln. Was mit wenig Mitteln, z.B. in Afrika aufgebaut und betrieben werden kann, sollte auch in einem krisengeschüttelten Europa funktionieren. In Situationen, wie in Spanien oder Griechenland, in denen die Jugendarbeitslosigkeit bis zu 50% beträgt, könnten sich ein ausgebautes OER-System als entscheidender strategischer Vorteil erweisen. Die Bereitstellung von kostenlosen Bildungsangeboten stellt in solchen Situationen nach Arbeit sicherlich das zweitbeste dar, was man Jugendlichen anbieten kann.

Wir können also zusammenfassen: Die soziale Gerechtigkeit hat nach Stiglitz großen Einfluss auf Stabilität und Effektivität von Wirtschafts-, Politik- und Rechtssystem und damit auf unsere Gesellschaft insgesamt. Ein wichtiger Faktor für die Entstehung sozialer Gerechtigkeit ist der Zugang zu Bildung, der durch Offene Lern- und Lehrmaterialien erleichtern wird. Auch wenn die Zusammenhänge hier nur grob skizziert worden sind, so sprechen gute Argumente dafür, dass eine Einführung von OER positive Auswirkungen auf die soziale Gerechtigkeit und damit auf die Gesellschaftsverfassung insgesamt haben wird. Auch in Deutschland können durch die Förderung von OER der Zugang zu Bildung und die soziale Gerechtigkeit verbessert werden. Diese Wirkungen auf Makroebene sind ganz wesentliche Argumente für eine Förderung von OER, können aber in mikroökonomischen Modellen, wie z.B. in Geschäftsmodellen nicht oder nur teilweise abgebildet werden. Wenn unsere Politiker dies berücksichtigen, besteht Hoffnung, dass Deutschland in der der nächsten Studie wieder den Anschluss zur Spitzengruppe findet!

Literatur

6 Kommentare
  1. Felicitas Isler sagte:

    Danke für die umfassende Analyse und die stringente Argumentationslinie!
    Anzumerken bleibt nur, dass der Zusammenhang zwischen Bildungszugang und sozialem Aufstieg kein „Naturgesetz“ sondern ein vom Bildungsbürgertum geschaffener und „mit Zähnen und Klauen“ verteidigter Fakt ist.

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