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Archiv für den Monat September 2012

Über die vielen interessanten Sessions des OERcamps könnte man viel schreiben. Für mich standen Fragen der politischen Umsetzung und der Geschäftsmodelle im Vordergrund, beides wurde in mehreren Sessions diskutiert, zusätzlich interessant wurde das Barcamp durch die Anwesenheit von Vertretern von Klett und Cornelsen, die aufschlussreiche Einblicke in die Arbeitsweise von Schulbuchverlagen gaben.

Foderungen an die Politik

Eine spannende Session widmete sich der Frage, was für Forderungen an die Politik zu stellen sind. Die Ergebnisse decken sich interessanter Weise weitgehend mit den Vorschlägen, wie sie im Augenblick im Zusammenhang mit der UNESCO Paris-Deklaration diskutiert werden:

Bewustseinsbildung

Wer OER nicht kennt, hat keine Meinung dazu und wird OER’s weder nutzen noch fördern. Erstes und oberstes Ziel muss es deshalb sein, OER bekannt zu machen und im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Erstellung von OER-Policies

OER ist ein Thema, dass in naher Zukunft viele staatliche Institutionen beschäftigen wird. Für viele wird dabei die Frage aufkommen, wie sie sich zum Thema OER verhalten sollen. Wünschens- und unterstützenswert wäre es, wenn diese Beschäftigung möglichst schnell zur Verabschiedung von OER-Policies führen würde, die dann als Leitbild für die weitere Einführung von OER’s dienen können. Entsprechende Policies müssen auf unterschiedlichen Ebenen (Bundesebene, Länderebene, Landschaftsverbände & Kommunen, Universitäten, Schulen, Sonstige Bildungseinrichtungen) verabschiedet werden und entsprechen unterschiedlich ausgestaltet werden. Anregungen, wie eine solche OER-Policy aussehen könnte, kann man sich dafür bei der OER Policy Registry holen, die aktuell von Creative Commons aufgebaut wird.

Durchführung von Pilotprojekten

Die akuelle Diskussion in Deutschland ist hochgradig theoretisch, zwar gibt es erste Plattformen z.B. zum Tausch von OER-Arbeitsblättern, aber insbesondere im Bereich der Schul- und Lehrbücher gibt es hier noch keine Erfahrungen. Deshalb wäre es wünschenswert, möglichst schnell ein erfolgreiches Lehrbuchprojekt durchzuführen, das intensiv wissenschaftlich begleitet wird, so dass die gemachten Erfahrungen in den weiteren politischen Diskussionsprozess einfließen können. Felix Schaumburg und andere wiesen dabei, meiner Meinung nach zu recht, darauf hin, dass sich dabei ein naturwissenschaftliches oder mathematisches Buch anbieten würde, da hier die Problematik der Klärung von Drittrechten (für die der Klett-Verlag alleine mehrere Juristen beschäftigt, so dass die Kosten für die Rechteklärung 4 mal höher sind, als die eigentlichen Herstellungskosten!) möglichst gering bleibt. Wichtig fand ich in diesem Zusamenhang den u.a. von Hermann Stubbe, geäußerten Hinweis, dass ein „sportlicher“ Wettbewerb zwischen OER-Büchern und konventionellen Büchern, wie ihn die Verlage angeblich gerne aufzunehmen bereit wären, ohne staatlich Anschubsfinanzierung nicht möglich ist. Sinnvoll wäre es nach Hermanns Auffassung, von den aktuell jährlich an die Schulbuchverlage fließenden ca. 350 Mio Euro ca. 10 Mio Euro auf die Erstellung von OER’s zu verwenden, da andernfalls kein Wettbewerb entstehen wird. Ich halte die genannte Größenordnung für sehr angemessen, da sie es erlauben würde, von Anfang an hochqualitative Lösungen zu erarbeiten, ohne dabei die bestehende Verlagsstrukturen übermäßig zu gefährden. Aber auch wenn es im ersten Schritt nicht zu dieser „Optimallösung“ kommen würde, ließe sich auch mit geringeren Mitteln erste Lehr- oder Schulbücher erstellen, z.B. indem bereits existierende Projekte, wie z.B. das Living-Textbook-Projekt der ZB-Med gefördert werden. Liegen solche erste Bücher dann vor, so können verschiedenste Aspekte untersucht werden. Besonders wichtig erscheinen mir dabei zwei Fragen: 1) Welche Kosten entstehen bei der Herstellung von OER-Lehrbüchern? 2) Wie Nutzen Schüler und Studenten OER-Lerbücher? Erfolgt die Nutzung entsprechend der Nutzung von konventionellen Lehrbüchern, oder machen die Lernenden davon Gebrauch, die Inhalte zu bearbeiten und zu verändern, so dass auch qualitativ neue Dimensionen hinzutreten?

Aufbau einer zentralen Standardisierungsstelle

Keine Frage, OER ist eine Grassroot-Bewegung, die von vielen kleinen engagierten Projekten „buttom-up“ maßgeblich gestaltet und geprägt wird. Trotzdem ist es meiner meiner Meinung nach erforderlich, eine zentrale Institution einzurichten, die folgende Aufgaben übernimmt:

  • Entwicklung und Bereitstellung von Tools (z.B. kollaborative Autorentools) und Best Practises
  • Festlegung von Standards, z.B. für Formate, Metadaten und Technologien.
  • Rechtliche Beratung und Beratung bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen
  • Consulting bei der Durchführung von OER Projekten
  • Optional: Bereitstellung einer einheitlichen Suchmöglichkeit, falls nicht andererorts vorhanden

Weitere Forderungen

Es gab noch weitere gute und wichtige Punkte, etwa den hervorragenden Vorschlag von Felix Schaumburg Schulen die Möglichkeit zu geben, anstelle von Lehrmaterialien neue Lehrer anstellen zu können, die dann z.B in Vollzeit Lehrmittel herstellen können. Momentan ist es nämlich anscheinend in bester kameralistischer Tradition so, dass bereitgestellte Mittel, die nicht in Anspruch genommen werden, verfallen oder nicht mehr bereitgestellt werden. Wenn das zutrifft, dann kommt dies einer Unterbrechung des Feedbackkanals gleich, wodurch die kontrollierende Wirkung des Marktes unterbrochen wird: Die Schulen kaufen auf jeden Fall Schulbücher, egal wie gut oder schlect diese sind, da sie alternativ nur auf die Mittel verzichten könnten. Echte Marktwirtschaft sieht anders aus!

Geschäftsmodelle

Eine weitere informative Session widmete sich der Frage nach OER-Geschäftsmodellen. In ca. 45 Minuten gelang es hier einerseits einen recht umfassenden Katalog verschiedener Geschäftsmodelle aufzustellen, andererseits konnten einzelne Fragen, etwa zu den aktuellen Entwicklungen in Polen, etwas genauer besprochen werden.

Hier muss unterschieden werden zwischen Anschubfinanzierungen und nachhaltige Finanzierung. Momentan sind die meisten OER-Projekte noch gefördert. Die aktuelle Aufgabe ist es nun, nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln, die es erlauben OER-dauerhaft zu entwickeln.

  1. staatliche Finanzierung mit unmittelbar staatlicher Ausführung (Polnisches Modell)
  2. Staatliche Finanzierung mit  privater oder entkoppelter Ausführung, etwa im Zuge der Public Private Partnership
  3. Werbefinanzierung
  4. Verlagsmäßige Herstellung mit Refinanzierung durch Mehrwertdienste, z.B. Print-On-Demand Anbindung oder Individualisierung der Inhalte (Bspl.: Flatworldknowledge)
  5. Crowdfunding : hier sind zwar wohl bereits (in Österreich?) schlechte Erfahrungen gemacht werden, was allerdings meiner Meinung nach nicht bedeutet, dass dieses Modell nicht später einmal doch funktionieren könnte.
  6. Kulturflatrate:Modell der Grünen
  7. Mittel zum Aufbau von neuen Produkten oder Infrastrukturen durch Venture-Capital, Beispiel Coursera
  8. Spenden
  9. Micropayments

Ein wichtiger Punkt scheint mir zu sein, dass sich die Finanzierungssituationen von Lehrbüchern in Schulen und Hochschulen mindestens in einem Punkt unterscheidet: Während bei Schulbüchern die Mittel überwiegend vom Staat und ergänzend von den Schülern (bzw. deren Eltern) getragen werden, so werden im Hochschulbereich die Lehrbücher überwiegend von Studenten und nur ergänzend vom Staat (in Form von Hochschulbibliotheken) gekauft. Leider scheint mir die empirische Basis für diese These noch sehr dünn zu sein. Immerhin gibt es hinsichtlich der Schulbuchausgaben Statistiken vom Verband deutscher Schulbuchverlage. Entsprechende Zahlen, für das Hochschulwesen, aus denen hervorgeht, wie viel Umsatz die Verlage mit Lehrbüchern machen und wie sich diese Umsätze auf Bibliotheken und Studenten verteilen, sind mir hingegen nicht bekannt. Wenn die Aussage aber stimmt, dann kann man daraus die Vermutung ableiten, dass der Staat schneller im Schulbuchbereich Geld für OER-Lehrbücher ausgeben wird, weil das eigene Einsparungspotential dort größer ist. Hingegen würden Investitionen in Hochschulbereich mehr zu Entlastungen von Studenten führen, weshalb sich hier (auch) studentenbezogene Crowedsourcing-Modelle anbieten würden, ohne dass damit gesagt werden soll, dass staatliche Investitionen in diesem Bereich nicht genauso sinnvoll wären, wie im Schulbereich.

Verlagssession

Ein weiteres schillerndes Highlight des OER-Camps war die „Verlagssession“, die gemeinsam von Mitarbeitern des Cornelsen- und des Klett-Verlags gehalten wurde und in der einmal genauer die Arbeit von Schulbuchverlagen thematisiert wurde. Auch dazu noch ein paar lose assoziierte Gedanken:

Was leisten Schulbuchverlage?

Wie andere Verlage auch machen Schulbuchverlage interessante Themen aus, finden und aquirieren die passenden Autoren, begleiten die Autoren beim Erstellen des Textes, sichern die formale Qualität des Beitrags, drucken ihn, machen Marketing und vertreiben den Beitrag. Eine Besonderheit im Schulbuchgeschäft scheint zu sein, dass die Themen der Werke durch Lehrpläne vorgegeben sind. Aufbauend auf diesen Lehrplänen betreiben die Verlage eine Art von „Lehrmittelsystem-Design“ durch das sichergestellt werden soll, dass Lehrer mit dem Lehrbuch alle relevanten Themen des Lehrplans abgedeckt bekommen, wobei die Lehrbücher häufig durch weitere Produkte wie Arbeitsblätter, Multimediadateien usw. ergänzt werden. Um eine Analogie aus der Softwareentwicklung zu bemühen, könnte man den Lehrplan mit dem „Lastenheft“ vergleichen, auf dessen Grundlage dann der Verlag ein „Pflichtenheft“ erstellt, nämlich das Lehrbuch, das eine Konkretisierung des Lastenhefts, also des Lehrplans darstellt. Der Gedanke muss sicherlich weiter ausgearbeitet werden, wobei sich mir die Frage aufdrängt, ob das so beschriebene „Lehrmittelsystemdesign“ als Teil des Curriculums-Designs nicht eigentlich zumindest in Teilen Aufgabe des Schulsystems sein sollte.

OER-Geschäftsmodelle für Verlage

Dennoch glaube ich, dass die Arbeit der Verlage bisweilen von OER und Open Access-Befürwortern unterschätzt werden. Jeder, der schon einmal ein Buch oder eine Zeitschrift redaktionell bearbeitet hat weiß, wie viele Arbeitsschritte erforderlich sind, bis man dann endlich das fertige Produkt in Händen hält. Zu denken, diese Arbeit würde sich quasi nebenbei oder von alleine erledigen, erscheint mir eher naiv. Inhaltlich durchläuft die Herstellung von OER-Lehrbüchern die gleichen Arbeitsschritte, wie ein konventionelles Lehrbuch. Und weil die Verlage auf genau diese Arbeit spezialisiert sind, scheint es mir eigentlich naheliegend, dass Verlage diese Aufgabe auch in Zukunft wahrnehmen werden. Aus Verlagssicht ist dies allerdings mit einer Kröte verbunden, die es zu schlucken gilt. So müssen Verlage zwangsläufig Ihr Geschäftsmodell ändern, weil es bei OER-Werken per Definition ausscheidet, dass die Verlage Eigentum (in Form von ausschließlichen Nutzungsrechten) an den hergestellten Werken erhalten. Bei OER-Lehr- oder Schulbüchern geht dies in dieser Form nicht, weshalb OER-Geschäftsmodelle für Verlage sich primär an der erbrachten Dienstleistung orientieren werden, die dem Auftraggeber gegenüber abgerechnet werden kann. Denkbar sind auch weitere kostenpflichtige Mehrwertdienste, so lässt sich der flatwordknowledge Verlag z.B. dafür bezahlen, dass er vorhandenen Texte individualisiert und an die Bedürfnisse des jeweilige Kundens anpasst. Darüber hinaus bilden Einnahmen aus Print-On-Demand-Angeboten wohl eine weitere wichtige Einnahmequelle. Insofern bietet OER also nicht nur Risiken für die Verlage, sondern auch Chancen für neue (kleinere) Verlage, die die neuen Geschäftsmodelle frühzeitig erkennen und sich entsprechend im Markt positionieren.

Wie sollte die OER-Community mit den Verlagen umgehen?

Abschließend noch ein paar Gedanken zum Umgang der OER-Community mit den Verlegern: Meines Wissens nach werden OER-Vertreter nicht zu Strategiebesprechungen des VBM eingeladen. Ich finde es aber trotzdem grundsätzlich gut, dass die OER-Community auch in dieser Hinsicht Maßstäbe in Hinblick auf Offenheit und Transparenz setzt, z.B. indem sie den konstruktiven Dialog mit Verlagsvertretern zulässt, wie jüngst auf dem OER-Barcamp geschehen. Eine andere Meinung scheint dagegen Neil Butcher zu vertreten, der, wenn ich Ihn richtig verstanden habe, meint, dass man die Verlage besser ignorieren solle, da sie die Geschäftsmodelle des 21 Jhd. nicht verstanden haben und primär ihre eigenn Interessen vertreten, weshalb Diskussionen mit ihnen kontraproduktiv sind. Ich sehe das nicht so drastisch wie Neil, denn wie oben gezeigt, kann und muss die OER-Bewegung auch in Zukunft von den Verlagen lernen oder mit Ihnen zusammenarbeiten. Dennoch: Solange die Verleger nicht die Grundforderung der OER-Community akzeptieren, dass nämlich Lehrinhalte offen lizensiert zugänglich sein sollten, erscheint mir der Nutzen eines Dialogs eingeschränkt. Dann besteht die Gefahr, dass sich der Fokus der Diskussion verschieb, weg von den Zielen der OER-Community und hin zu den vermeindlichen Gründen, aus denen die Verleger meinen, dass OER nicht realisierbar sei. Eine solche Diskussion läuft dann aber Gefahr aus Sicht der OER-Community ineffektiv zu werden. Dies gilt es in Zunkunft zu vermeiden! Wie sagt ein chinesisches Sprichwort so schön: „The man who says something cannot be done should not interrupt the one doing it!“