Der OER-Perspektivenwürfel (OER-Cube)
1. Einleitung
Nimmt man an einer Diskussion zum Thema OER teil, so kann man beobachten, dass Teilnehmer bisweilen aneinander vorbeireden, weil noch nicht hinreichend zwischen den unterschiedliche OER-Formen differenziert wird. OER ist eben nicht gleich OER. Der OER-Perspektivenwürfel ist ein Werkzeug, mit dem man wesentliche Eigenschaften einzelner OER-Erscheinungsformen schnell bestimmen und verorten kann. Dies kann in mehrfacher Hinsicht sinnvoll sein:
- Zur Erleichterung der Analyse
- Zur Unterstützung von Diskussionsprozessen
- Zur Systematisierung des Wissens über OER
Der OER-Perspektivenwürfel fasst insgesamt vier Dimensionen zusammen, nämlich die drei Ebenen des Würfels (OER-Typen, Bildungsbereiche, OER-Produzenten) und dem Perspektivenring, der den Würfel umfasst:
2. OER-Typen
Es gibt viele unterschiedliche Erscheinungsformen von OER. Der OER-Würfel reduziert diese Vielzahl auf die drei aktuell am meisten diskutierten Typen:
- Arbeitsblätter (A1)
- Bücher (A2)
- Kurse (A3)
Die Anordnung orientiert sich an Umfang und Komplexität der drei OER Typen, wobei auf der untersten Ebene die vergleichsweise einfachen Arbeitsblätter stehen und auf oberster Ebene ganze Studienkurse. Zwischen diesen beiden Extremen finden sich die Lehr- und Schulbücher.
3. Bildungsbereiche
Auf der oberen Fläche des Würfels sind die drei wichtigsten Bildungsbereiche abgebildet:
- Schule (B1)
- Hochschule (B2)
- Weiterbildung (B3)
Verzichtet wird dabei auf den Bereich der frühkindlichen Bildung, dem in jüngerer Zeit zunehmend Bedeutung beigemessen wird, der aber in Hinsicht auf die Menge der vorhandenen Lernmaterialien nicht mit den anderen Bereichen vergleichbar ist. Die Bildungsbereiche stellen dabei gleichsam die Endnutzer der OER dar.
4. OER-Produzenten
Die letzte Ebene des Würfels unterteilt die OER-Produzenten in drei Untergruppen
- Öffentliche (C1)
- Wirtschaftlich (C2)
- NGO & Crowd (C3)
Innerhalb dieser drei Untergruppen muss in der Regel weiter differenziert werden:
In die Gruppe der öffentlichen Produzenten fällt z.B. die direkte Staatsverwaltung (Beispiel: Polen) aber auch sonstige öffentlich finanzierte Einrichtungen, wie z.B. Hochschulen.
Die wichtigste Gruppe der privatwirtschaftlichen Produzenten stellen augenblicklich die Verlage dar. Die Besonderheit hier ist, dass mit der Herstellung der Inhalte in der Regel eine Gewinnerzielungsabsicht verfolgt wird.
Schließlich fallen in den Bereich der NGO`s sowohl etablierte Organisationen wie der Wikimedia e.V. als auch kleinere Projekte wie der Schulbuch-O-Mat, solange sie nicht (primär) auf Gewinnerzielung zielen.
Eine wesentliche Eigenschaft von OER ist, dass sie kollaborativ (weiter-)entwickelt werden können (Crowdsourcing). Die zu den drei genannten Gruppen von OER-Produzenten gehörenden Institutionen übernehmen deshalb in der Regel nur einen Teil des Herstellungsprozesses und werden in der Praxis regelmäßig durch eine mehr oder weniger große Community von freiwilligen Helfern komplementär ergänzt.
5. Perspektiven
Der Perspektivenring enthält sechs unterschiedliche Perspektiven, die sich an den wichtigsten wissenschaftlichen Disziplinen orientieren, die sich momentan mit OER beschäftigen:
| rechtlich | Zur rechtlichen Perspektive gehören insbesondere Fragen der offenen Lizenzen und sonstige Fragen des Urheberrechts. |
| technisch | Zur technischen Perspektive zähle ich hier nicht nur Fragen der IT-Technologie, sondern auch verlags- und bibliothekstechnische Fragestellung der Herstellung und des Vertiebs von OER. |
| wirtschaftlich | Hierzu ist insbesondere die Definition nachhaltiger Geschäftsmodelle zu zählen. |
| politisch | Die politische Dimension ist in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. So kann die Politik direkten Einfluss auf die OER-Herstllung im öffentlichen Bereich nehmen, weiterhin definiert sie die Ausgestaltung in den unterschiedlichen Bildungsbereichen und kann darüber hinaus auch die rechtlichen Rahmenbedingungen beeinflussen. |
| pädagogisch | Pädagogische Aspekte sind in vielerlei Hinischt fundamental für OER. Unter anderem spielen sie eine wichtige Rolle bei der Qualität der Inhalte, weiterhin können durch OER die Einführung neuer Methoden in den Bildungsbetrieb gefördert werden |
| sozial | Die soziale Perspektive ist im Verhältnis zu den anderen Perspektiven etwas unschärfer definiert, aber nicht weniger wichtig. Viele der Wirkungen von OER (z.B. Verringerung sozialer Gerechtigkeit) fallen in diesen Bereich, zudem sind hierzu auch die kulturellen Wertesysteme zu zählen, die eine wichtige Rolle bei der Einführung von OER spielen können. |
6. Verwendung des OER Perspektivenwürfels
Bei der Verwendung des OER-Perspektivenwürfels kann man sich an folgender Checkliste orientieren:
- Um was für einen OER-Typ handelt es sich?
- Welcher Bildungsbereich wird gerade behandelt?
- Aus welchen Bereich(en) kommen die Produzenten für OER in den durch OER-Typ und Bildungsbereich bereits konkretisierten Untersuchungsbereich?
- Aus welcher Perspektive will ich den in den Fragen a) bis c) konkretisieren OER-Bereich untersuchen?

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Was aber, wenn immer weniger gedruckte oder digitalisierte ehemals gedruckte Lehrbücher und Arbeitsblätter gebraucht werden, weil immer mehr Videos und Hypertexte allerorten im Netz genutzt werden?
Ich denke, dann muss man das Model entweder anpassen, oder durch ein Besseres ersetzen. Vielleicht haben sich dann aber auch schon die neuen OER-Geschäftsmodelle so weit gefestigt, dass wir den Perspektivenwürfel überhaupt nicht mehr brauchen…
Gute Idee, das Thema OER mal auf diese Weise zu systematisieren. Auch mir fällt immer wieder auf, dass viele nur kleine Teilbereiche des Themas OER im Blickpunkt haben, wenn sie sich damit auseinandersetzen. Vielfach wird das Thema nur auf Schule, Lehrer und Arbeitsblätter und eventuell noch Onlinemodule reduziert. Aber es gibt, wie das Modell richtig zeigt noch andere Facetten.
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